Gut und sättigend: 3 Sterne

Olga Flor: Die Königin ist tot

Flor„Wir sind alle käuflich“
Mit dem willkürlich gewählten Namen Lilly und einem Blowjob im Fahrstuhl landet eine junge Frau aus einem europäischen Land, in dem sie nicht mehr sein will, ihr Ziel: Sie heiratet den amerikanischen Medientycoon Basil Duncan. Es folgen die Aufnahme in die illustre Gesellschaft, ein Haus am Meer, zwei Söhne – und der ebenso vorhersehbare wie klischeehafte Austausch gegen eine jüngere Frau. Lilly, die keine Gefühle für Duncan oder ihre Kinder hegt, ist weder verletzt noch überrascht, doch die Saat, die zu einem ausgewachsenen Rachebedürfnis werden soll, ist gelegt. Einen Verbündeten findet sie dafür in Alexander, Duncans Handlanger und Nachfolger, an den sie von ihrem Ehemann mit einem belustigten Schmunzeln weitergereicht wird. Lilly akzeptiert die Scheidung und Alexander als den neuen Mann an ihrer Seite, aber im Innersten will sie nur eins: Blut sehen.

Die Königin ist tot von Olga Flor ist ein verstörender, zutiefst beunruhigender Roman über eine Frau, die alles hat und nichts davon liebt. Die österreichische Schriftstellerin, die mit einem anderen Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, fängt mit ihrer Ich-Erzählerin jene Vorstellung ein, die man haben kann von osteuropäischen, aufoperierten Frauen, die sich als schönes Dekorationsobjekt an den Arm eines reichen Mannes hängen und dabei vor allem durch ihren leeren Blick auffallen. Geldgierig sind sie, süchtig nach Schmuck und Schuhen und Anerkennung. Für Lilly erfüllen sich all diese Träume, doch es wirkt, als hätte sie sie nie gehabt, so emotionslos steht sie ihrem Leben im Überfluss gegenüber. Sie ist eine Puppe, antriebslos, willenlos, orientierungslos, und trägt selbst die Schuld daran, dass sie für ihren Mann letztlich austauschbar wird. Um Macht und Manipulation geht es in diesem bitterbösen und düsteren Buch, um Kontrolle und innere Leere.

Dieser Roman ist für mich wie ein Schnitt in den Finger. Unangenehm und ein wenig ärgerlich, aber dennoch faszinierend, sodass ich daran herumdrücke, um zu sehen, wie das Blut hervorquillt. Ich starre Lilly an, betrachte sie von allen Seiten, suche ihre Wunde und frage mich, ob sie echt ist, weil sie so distanziert und frei von Emotionen scheint. „Was meine eigenen Gefühle betrifft“, sagt sie mir, „habe ich manchmal den Eindruck, als seien sie von mir abgetrennt und sicher unter Glas verwahrt, in kleinen musealen Glasbehältern wie interessante Tierpräparate, die ich hervorholen und bewundern kann auf ihren gedrechselten Bodenplatten.“ In ihrem Verhalten ist Lilly mir so fremd, dass ich ein fast abartiges Vergnügen daran habe, ihrer monotonen, kalten Stimme zu lauschen. Besonders krankhaft – oder gar normal? – für mich Lillys Gefühllosigkeit ihren Kindern gegenüber: „Ich weiß, dass es an der Zeit wäre, eine enge Beziehung zu den Kindern aufzubauen, doch es gelingt mir nicht, ich sehe mir selbst dabei zu, wie ich Gefühle konstatieren muss, ohne zu wissen, wie sie empfunden werden.“ Einzig in der Rache, im Blutdurst, spürt Lilly plötzlich sich selbst, behält aber ihren klinisch-nüchternen Erzählton bei. Wie diese Rache beschaffen sein wird, ist klar, und indem sie derart mit Klischees spielt, macht Olga Flor diesen Roman zu einer Persiflage auf eine gewisse Gesellschaftsschicht und unseren Umgang mit klassischen Gerüchten. Eine befremdliche, unerfreuliche, sonderbare und höchst bizarre Lektüre, die ich nicht vergessen kann.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
der Fahrstuhl steht in Verbindung zum Inhalt, der Hirsch ist … rätselhaft.
… fürs Hirn: ein blubberndes Lachen, das einem nicht im Hals, sondern im Hirn steckenbleibt, weil da eigentlich überhaupt gar nichts lustig ist, sondern die Realität sich als grausam entpuppt.
… fürs Herz: nichts, nichts, gar nichts, die Gefühllosigkeit der Protagonistin ist Dreh- und Angelpunkt des gesamten Romans.
… fürs Gedächtnis: das Eingeständnis, dass Olga Flor es geschafft hat, mich zu provozieren und zu schockieren.

Die Königin ist tot von Olga Flor ist erschienen im Zsolnay Verlag (ISBN 978-3-552-05578-0, 224 Seiten, 18,90 Euro).

0 Comments

  1. Ilse

    Das Buch hatte ich erst kürzlich in der Hand – witzigerweise hat mich der Hirsch neugierig gemacht. Es war allerdings eingeschweißt und ich konnte nicht reinlesen. Klingt nach einer anstrengenden, aber auch lohnenswerten Lektüre … vielleicht wünsche ich es mir zum Geburtstag im März.

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