Gut und sättigend: 3 Sterne

Arezu Weitholz: Wenn die Nacht am stillsten ist

Von den Masken, die wir alle tragen
„Man kann niemanden mögen. Menschen sind klein. Man muss sie durchschauen. Was tut ihnen weh? Was wollen sie? Man muss mit ihnen Schach spielen.“ Mit dieser Aussage bringt der Redakteur Ludwig seinen Charakter auf den Punkt: Er ist manipulativ und berechnend, emotional distanziert und kalt. Niemand weiß das besser als seine Freundin Anna, die mit Ludwig in Hamburg bei einer Zeitung arbeitet, die Beziehung aber auf seinen Wunsch geheim hält. Eigentlich hat Ludwig mit Anna Schluss gemacht. Trotzdem sitzt sie in der Nacht an seinem Bett und redet mit ihm, unsicher, ob er sie hören kann, denn Ludwig hat eine Menge Schlaftabletten geschluckt. Will er, der alle verachtet und über allen Dingen steht, tatsächlich nicht mehr leben? Macht vielleicht ein Leben voller Partys, Models, schicker Klamotten und Ruhm doch nicht glücklich? Oder hat es ihm so krass zugesetzt, was sein bester Freund über seine Artikel verraten hat? Anna kann sich keinen Reim auf Ludwigs Tat machen. Aber sie kann die Gelegenheit nutzen, dass er endlich einmal still ist, und ihm in aller Ruhe das erzählen, was sie ihm nie gesagt hat.

Arezu Weitholz schreibt in ihrem ersten Roman Wenn die Nacht am stillsten ist über einen Mann, Ludwig, der großkotzig, erfolgreich und dabei zutiefst einsam ist, und über eine Frau, Anna, die sich einer Gemeinschaft anpasst, zu der sie gar nicht gehören will, und die dadurch zu einem jener erbärmlichen Menschen wird, die „eigentlich ganz anders sind, aber nie dazu kommen“. Anna schleppt die Sorge um ihre kranke Mutter, den Selbstmord des Vaters und die Ungewissheit, was aus ihr werden soll, mit sich herum. Beim egozentrischen Ludwig kann sie nichts davon abladen, und trotzdem fühlt Anna sich zu dem emotionalen Eisbrocken hingezogen, womöglich, weil er ihr Gegensatz ist, oder weil sie die Hoffnung hegt, er könnte sich ändern, wenn die Gefühle ihn überwältigen. Anna nimmt ab, kauft die gleichen Klamotten wie die Mädchen in der Redaktion, verschweigt, wie viel Ahnung sie von Musik hat, und gibt das stille Mäuschen. Wie eine Maus in einem Experiment wird sie auch von Ludwig betrachtet, als er ihre Beziehung aus einer Laune heraus beendet. Was hat Anna bei ihm gesucht? Liebe wohl eher nicht, ein bisschen Ablenkung vielleicht schon eher. Dass er so unvermittelt zu Tabletten greift, kann sie nicht verstehen und zeigt ihr, dass sie ihn nicht im Geringsten kennt. Diese Verzweiflungstat lässt alle Geschehnisse in einem anderen Licht erscheinen.

Mit scharfem Blick und scharfer Zunge erzählt Arezu Weitholz eine lesenswerte Geschichte über Lebensentwürfe und ihr Scheitern. Allerdings erzählt sie dieselbe Geschichte zwei Mal. Im ersten Teil sitzt Anna an Ludwigs Bett, während er sanft in den Tod gleitet, sie holt nicht Hilfe, sondern berichtet von ihren Eltern, ihrem Aufenthalt in Südafrika, von dem Menschen, der sie wirklich ist oder gern wäre. Im zweiten Teil lässt die auktoriale Erzählerin Anna den Tag davor erleben, von dem diese bereits in Teilen gesprochen hat. Für mich hält der Rest des Buchs daher viele Details und schöne Sprachbilder bereit, aber ich vermisse eine inhaltliche Offenbarung. Arezu Weitholz hat eine lockende Stimme, die mich dazu bringt, aufzustehen und ihr neugierig nachzulaufen, sie hat einen angenehmen Stil und ein feines Gespür für die Zwischentöne. Zwar sind ihre Figuren Ludwig – von sich eingenommen, nach außen arrogant, innerlich verstört – und Anna – orientierungslos, folgsam, selbstzerstörerisch – reichlich klischeehaft, aber ich hab die recht düstere Geschichte über ihr Zusammentreffen und Auseinandergehen dennoch gern gelesen. Noch lieber wäre mir eine inhaltliche Schleife am Ende gewesen, eine Auflösung, eine große Stimmigkeit; auch den Funken, der in mir die Begeisterung entfacht hätte, habe ich vermisst. Geblieben ist aber Wohlwollen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
vom Stil her finde ich das Cover schön, die Farbgebung ist dagegen sehr unspektakulär.
… fürs Hirn: die Diskrepanz zwischen dem Verhalten der Menschen und ihren wahren Gefühlen.
… fürs Herz: der Kummer, der in jeder Zeile mitschwingt.
… fürs Gedächtnis: ein großes Aufatmen am Ende, als ich die Düsternis verlassen kann.

Wenn die Nacht am stillsten ist von Arezu Weitholz ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN 978-3-88897-775-6, 224 Seiten, 17,95 Euro).

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