Gut und sättigend: 3 Sterne

Federica de Paolis: Ich höre dir zu

Das Leben der Anderen
Diego kehrt wegen einer Augenerkrankung aus Shanghai nach Italien zurück, um sich operieren zu lassen. Er quartiert sich in der leerstehenden Wohnung seiner Eltern ein, die lange schon tot sind, seine Schwester lebt ebenfalls im Ausland. Diego ist ruhelos, verloren, einsam: „Nirgendwo erwartete mich etwas. Mein ganzes Leben lang war ich unterwegs gewesen, von einem Ort zum nächsten, so als würde ich mit jedem Ortswechsel um einen Zentimeter wachsen. Doch an diesem Abend fühlte ich, dass ich nicht mehr weiterwachsen konnte.“ Ablenkung von seinen Problemen findet Diego in der Besonderheit des elterlichen Telefons: Wird jemand im Haus angerufen, klingelt es – und Diego kann das Gespräch mithören. Zu seinem Glück telefonieren die Bewohner viel, und so lauscht er selbstvergessen ihren Berichten: Er erfährt, dass die schmächtige Agnese ihrem Freund die Nase gebrochen hat, dass die junge Giulia jede Mahlzeit auskotzt und dass Marta Brustkrebs hat. Diego hört diesen fremden Menschen jedoch nicht nur zu – er begegnet ihnen auch und drängt sich in ihr Leben. Während Marta sich über seine Aufmerksamkeit freut, hat Diego großes Interesse an Agnese. Er weiß mehr über sie, als Agnese ahnt – aber das Wichtigste weiß Diego über die junge Frau noch nicht …

Die italienische Bestsellerautorin Federica de Paolis greift in ihrem vierten Roman Ich höre dir zu eine geniale Idee auf: Ein Mann, der Ich-Erzähler Diego, kann die Gespräche seiner Nachbarn mithören. Und zwar nicht nur einseitig, weil es durch die Wände dringt oder weil jemand, wie heute allgemein üblich, neben ihm ins Handy brüllt – nein, Diego hört alles. Geheimnisse dringen an sein Ohr, die ihn nichts angehen und deshalb umso mehr faszinieren. Vor allem, da es sich um große Geheimnisse handelt, die entweder mit Sex oder mit dem Tod zu tun haben. Es ist ihm ein Leichtes, sich den Menschen, die er ausspioniert, zu nähern – und er braucht diese Menschen dringend, denn er ertrinkt in seiner Einsamkeit. So leer erscheint ihm sein Leben, dass er gar nicht merkt, dass er zwei Jahre jünger ist, als er denkt – alles ist ihm einerlei und nichts verändert sich, er könnte auch schon älter sein. Federica de Paolis zeichnet das Bild eines Mannes, der stets wie wild herumgehastet ist – und dann plötzlich, mitten im Schwung, abgebremst wird von der Glaswand, gegen die er knallt: von der Erkenntnis, dass er eigentlich ein ganz anderes Leben führen will. Die Autorin macht es ihrem Schützling aber nicht einfach: Sie vergrößert die Geheimnisse und weitet sie auf seine Familie aus.

Und hier verbirgt sich das Problem, das ich mit diesem pfiffigen, amüsanten und originellen Roman habe: Es gibt bestimmte Arten von Geheimnissen, die so klischeehaft sind, dass sie nicht einmal mehr in Seifenopern vorkommen sollten. Ein solches wird hier aufgedeckt, und ich winde mich vor Entsetzen und Enttäuschung. Denn abgesehen von dieser Kurve nach unten ging es mit diesem abgedrehten, melancholischen und ebenso leichten wie tiefgründigen Buch für mich anfangs steil nach oben. Die Figuren sind liebenswerte Chaoten, denen das Schicksal ein Bein stellt. Ich höre ihnen gern zu – und bin am Ende froh, dass mein Telefon nur ganz normal funktioniert.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Frau mit Zopf gefällt mir, auch wenn ich ihr Abbild nicht mit dem Inhalt in Verbindung bringen kann. Die Coverfarbe finde ich bedenklich.
… fürs Hirn: man beschütze mich vor solchen Familiengeheimnissen!
… fürs Herz: so einiges, denn jeder der Charaktere hat mit gravierenden Problemen zu kämpfen.
… fürs Gedächtnis: die gute Romanidee.

Ich höre dir zu von Federica Paolis ist erschienen im Knaus Verlag (ISBN 978-3-8135-0475-0, 288 Seiten, 16,95 Euro).

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