Für Gourmets: 5 Sterne

Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg

Fünfecksbeziehung
Peter ist wieder da. Doch seine Rückkehr nachhause ist weder für Peters Eltern – Hajo und Carla Rau – noch für die Nachbarn – Emil und Veronika Bub – , die so eng mit dem jungen Mann verbunden sind wie mit einem leiblichen Sohn, eine gute Nachricht. Denn Peter liegt an einem Abgrund, sein Kopf hängt schon darüber, er isst, trinkt und spricht nicht, er ist apathisch, meidet die Dusche und hat seinen Job als Logopäde verloren. Seine Frau Mia ist mit den beiden Söhnen Ivo und Jörn auf und davon, ihr Aufenthaltsort ist unbekannt. Emil und Veronika vergehen fast vor Sorge um den Jungen, der ihr kinderloses Leben seit seinem Einzug nebenan im Alter von neun Jahren bereichert hat. Und sie erinnern sich. Veronika war damals überfordert vom Auftauchen des Kindes: „Damals erwog Veronika ernsthaft, sich von ihrem Mann zu trennen, weil sie die Anwesenheit des kleinen Jungen, der auf einmal immer öfter an ihrem Küchentisch saß, nicht ertrug.“ Stattdessen eroberte Peter ihr Mutterherz, und sie baute eine Beziehung zu ihm auf, genau wie Emil, der Geschichts- und Deutschlehrer, der Peter mit sagenhaften Geschichten und der Suche nach Eduard Mörikes verschollenem Dichterschatz zu sich lockte, was bei Hajo und Carla für Eifersüchteleien und bissige Kommentare sorgte. Auch später blieb Emil dem Umweltaktivisten Peter, dem Träumer, dem leidenschaftlichen Vater ein Vertrauter, auch wenn die Bindung weniger eng ist: „Von dem Kind Peter hatte er vieles gewußt. Der Erwachsene war nicht mehr so offen. Emil vermißte die selbstverständliche Nähe und suchte sich andere Wege. Er brauchte das Gefühl, mit ein paar Tauen an diesem weit draußen herumschlingernden Schiff verankert zu sein.“ Trotzdem hat er nichts gemerkt, hat Peters drohenden Absturz nicht kommen sehen. Und er ist angesichts von Peters Lethargie genauso hilflos wie die anderen drei, die Peter lieben und ihm nichts zu geben haben außer diese Liebe, und die Frage dabei ist: Reicht das?

Am Schwarzen Berg von Anna Katharina Hahn ist ein Buch wie warme Melasse: dickflüssig, zäh, golden, duftend. Dieses Buch kann vieles, und vor allem kann es erzählen: von Gerüchen und Erinnerungen, von Blumen und Fischen, von menschlichen Beziehungen und dem Schmerz, den sie mit sich bringen – immer. Vier Menschen, vier Erwachsene sozusagen, gruppieren sich um einen fünften, den Jungen Peter, der sich sorglos all der Zuneigung bedient, die ihm geschenkt wird, der überhaupt sorglos durchs Leben spaziert, später vor allem, der sogar glücklich ist – bis das Leben ihm eine Stopptafel mit aller Wucht ins Gesicht schlägt. Er wird aufgefangen in seinem Zuhause, wird versorgt von jenen vier Menschen, die ihn großgezogen haben – und löst bei ihnen mit seiner Traurigkeit eine tiefe Angst aus. Woher diese Angst rührt und was sie umfasst, erfahre ich von Emil und Veronika. Lange schon sind die beiden verheiratet, haben Gutes wie Schlechtes erlebt, Seitensprünge verziehen und sich eingerichtet Seite an Seite, beide klammern sich an Flaschen alkoholischen Inhalts, wenn sie Halt brauchen. Fünf Menschen stehen in Beziehung zueinander, und was wirkt wie ein sicheres, stabiles Gebilde, ist in Wahrheit bröckelig wie eine Kirchenruine. Denn es stehen zu viele Gefühle auf dem Spiel, und wie immer geht mit ihrer Liebe Besitzdenken einher. Sehr dicht, klug und mit elaborierten, fein ausbalancierten Sätzen gibt Anna Katharina Hahn den Blick frei auf Menschen, die eben das sind: Menschen, sie sind verzweifelt, egoistisch, unvorbereitet, neidisch, aber auch hilfsbereit, treu, zuverlässig. Hochinteressant sind die Exkurse zum Dichter Eduard Mörike, auf dessen Spuren Emil wandelt und der in Bezug zum Wohnort der Protagonisten steht, sehr aktuell – wenn auch schon abklingend – sind die Proteste gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof, die im Buch vorkommen. Für mich ist dieser Roman wie ein Lehrer, der mich am der Hand nimmt, um mir allerlei Wunderliches zu zeigen: Pflanzen am Wegesrand, ein altes Buch, ein wundes Herz, und wenn ich nicht aufmerksam genug bin, packt er mich ermahnend am Arm, zwingt mich, genauer hinzusehen und zu verstehen. Erwachsen ist deshalb ein Adjektiv, das ich mit diesem Roman in Verbindung bringe, genauso wie: fantastisch, grandios, herausragend.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schlichtes Cover, schwarz wie die Trauer, die Fische finden ihre Berechtigung durch den Inhalt.
… fürs Hirn: viel Wissenswertes über Stuttgart und seine Geschichte, seine berühmten Söhne.
… fürs Herz: die scheiternden Versuche der vier „Eltern“, an Peter heranzukommen, in herauszureißen aus seiner Leblosigkeit, und gleichzeitig das Erinnern, das sie überwältigt.
… fürs Gedächtnis: das Ende, das ich nahen sah und gleichzeitig fürchtete.

Am Schwarzen Berg von Anna Katharina Hahn ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42282-3, 236 Seiten, 19,95 Euro).

0 Comments

  1. Mal abgesehen davon, dass es ein neuer Trend zu sein scheint, Cover mit Fischen zu bedrucken („34 Meter über dem Meer“, „Ich nannte ihn Krawatte“ – und jetzt hier schon wieder!), macht mich deine Rezension sehr neugierig aufs Eintauchen.

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    1. Mariki Author

      „34 Meter über dem Meer“ hab ich nicht gelesen, aber bei „Am Schwarzen Berg“ passen die Fische auch zum Inhalt! Und die Koi auf „Ich nannte ihn Krawatte“ sind zumindest zutiefst japanisch. Ist das alles ein Zufall oder schon ein Trend? 😉 Trotzdem wirst du sicher richtig gut schwimmen in diesem Roman, da bin ich mir sicher!

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