Netter Versuch: 2 Sterne

Thomas Enger: Sterblich

Ein klassischer Krimi
Der Journalist Henning Juul ist gezeichnet von einem tragischen Ereignis – innen wie außen: Schwere Brandnarben erinnern ihn genauso an den Tod seines Sohnes Jonas wie der seelische Schmerz. Von seiner Frau Nora ist er geschieden, an seinen Arbeitsplatz bei der Onlinezeitung 123nyheter kehrt er erst nach zwei Jahren zurück. Und die Schonzeit ist sofort vorbei: Henning wird auf den Mord an der schönen Studentin Henriette Hagerup angesetzt. Die Zeichen deuten auf Ehrenmord, passenderweise war Henriette mit einem Muslim liiert. Während die Polizei auf diesen Zug aufspringt, kommt Henning das Ganze konstruiert vor. Er bekommt ein Drehbuch von Henriette in die Finger, das einen Mord zum Inhalt hat – wie er dann an ihr selbst verübt wurde. Wer hat das inszeniert? Ist Henriettes Freund unschuldig? Und warum wird Henning verfolgt und beinahe erschossen? Nun – er findet es heraus.

Sterblich ist ein gut gedachter, aber dennoch stereotyper Krimi. Was nicht so schlimm ist, wie es klingt – das sind sie doch alle. Immer ist der Ermittler vom Schicksal gezeichnet – am fröhlichsten ist wohl noch Camilleris Montalbano, der wenigstens einfach nur mürrisch und nicht traumatisiert ist – und einsam, immer geraten sie selbst in die Schusslinie. So ist es auch im vorliegenden Fall, einem Krimi, der wie so viele erfolgreiche Serien der letzten Zeit aus dem hohen Norden stammt. Thomas Enger versteht sein Handwerk und nebenbei auch etwas vom Fach seines Protagonisten, hat er doch einst in einer Onlineredaktion gearbeitet. Er hat mit diesem Buch solide Arbeit geleistet und einen guten Krimi abgeliefert, der Fans dieses Genres mit Sicherheit begeistert. Ich bin allerdings kein solcher Fan (mehr) und habe meine üblichen Schwierigkeiten mit dem abgeschmackten Rätselraten. Das Schema ist – da kann kaum ein Krimi aus – immer dasselbe, der Täter schlussendlich doch im engeren Kreis zu finden, wo auch sonst, die Gefahr, in der sich der Ermittler befindet, kann nicht echt sein, weil er nicht sterben darf, das nimmt jedem Showdown die Würze. Während der Lektüre scheint mir alles fast noch logisch, im Rückblick zeigt sich aber, dass die Romanereignisse doch recht kompliziert und ein wenig undurchsichtig sind. Farblos bleiben trotz aller Bemühungen auch die Charaktere, vor allem die marionettenhaften Polizeibeamten. Das ist schade, denn Thomas Enger hat Potenzial und kann Spannung aufbauen. Trotz meiner Vorbehalte gegen Krimis habe ich mich ganz ernsthaft eingelassen auf diesen erneuten Selbstversuch und konnte Sterblich sehr wohl auch Positives abgewinnen. Die Mordgeschichte an sich ist originell, die Konstruktion fesselnd, und der Cliffhanger am Ende ist geradezu meisterhaft – er macht neugierig auf Teil zwei. Ich werde ihn allerdings nicht lesen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
was auch immer die Geschichte mit einer Schere zu tun haben soll – unheimlich wirkt das Cover allemal.
… fürs Hirn: nein, da fällt mir beim besten Willen nichts ein.
… fürs Herz: die tiefe Trauer des Protagonisten um den Verlust seines Kindes.
… fürs Gedächtnis: leider die widerlich-sexistischen Gedanken des Polizeibeamten, der eigentlich ausschließlich seine Kollegin flachlegen will. Das war unnötig.

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

0 Comments

  1. Ja, im Ganzen kann ich dir nur zustimmen, denn mich konnte „Sterblich“ trotz der recht originellen Idee auch nicht so richtig umhauen, wobei ich das Genre eigentlich gerne lese. Besonders bei deinem „… fürs Gedächtnis:“ kann ich nur mit dem Kopf nicken.
    Aber den zweiten Teil werde ich trotzdem im Hinterkopf behalten :)

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  2. Mariki Author

    Ich hab deine Rezension gelesen! Ich bin „froh“, dass das Buch dich als Krimi-Fan auch nicht übermäßig begeistert warst – das spricht dafür, dass es wirklich am Roman liegt und nicht an mir 😉

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