Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Per Petterson: Ist schon in Ordnung

Dem Schicksal mit einem Schulterzucken begegnen
„Vielleicht war etwas in der Luft, was sich veränderte, ich weiß es nicht, aber ich behielt die Sonnenbrille auf. Ich beschloss, sie ständig zu tragen, zumindest tagsüber. Ich mochte den Abstand, den sie erzeugte.“ Dem Schuldirektor allerdings ist der renitente 13-Jährige, der die Sonnenbrille nicht abnehmen will, ein Dorn im Auge. Audun verweigert sich und will nicht reden, weder über die Brille noch über seine Familie, auch nicht über den Umzug vom Land in die Stadt. Audun lebt mit seiner Mutter im Arbeiterviertel von Oslo, frühmorgens trägt er die Zeitung aus. Obwohl niemand ihm wichtig ist, findet er einen Freund im politisch interessierten Arvid. Den kann er dringend gebrauchen, hat er doch sonst niemanden, der ihn stützt: Die Schwester ist ausgezogen und lebt bei ihrem Freund, einem Schläger, der Bruder tödlich verunglückt, der prügelnde Vater verschwunden, aber noch nah wie eine unsichtbare Bedrohung. Audun begeistert sich für Literatur von Hemingway und anderen, schmeißt aber trotzdem ein Jahr vor dem Abschluss die Schule hin, um in einer Druckerei am Fließband zu arbeiten. Die Perspektiven für eine unbeschwerte Zukunft sind dürftig mit Voraussetzungen, wie Audun sie mitbringt, und doch kämpft er sich durch, mit eisernem Willen und schnellen Fäusten, um vielleicht ein bisschen glücklich zu werden.

Der Norweger Per Petterson wurde für sein Werk – darunter die Romane Pferde stehlen, Im Kielwasser und Ich verfluche den Fluss der Zeit – mehrfach ausgezeichnet. Völlig zu Recht, denn seine Prosa ist kraftvoll, schlicht und schlau, seine Charaktere sind stets nordisch verschroben, schweigsam, stark. In Ist schon in Ordnung porträtiert er einen Halbstarken, der – mithilfe von Schlaghose und Rockmusik – verschmelzen will mit der Umgebung, gleichzeitig aber Distanz wahrt, eine Sonnenbrille trägt, sich raushält, um nicht verletzt zu werden. Hat er doch genug Verletzungen ertragen müssen bisher: „Kann sein, dass meine Mutter hübsch ist, es fällt mir schwer, das zu beurteilen. Auf dem Land habe ich einmal gesehen, wie sich auf der Straße ein Mann nach ihr umgedreht hat, aber vielleicht war auch nur ihr Lippenstift verschmiert, oder sie hatte an dem Tag ein blaues Auge. Das hatte sie manchmal. Ich auch. Wenn mein Vater lange genug am Stück zu Hause war, hatten wir alle eins.“ Alkohol und Gewalt dominieren den Alltag (nicht nur) in den norwegischen Durchschnittsfamilien, und dieses Buch zeigt ganz schmutzig und direkt, ungeschönt und frei von Humor die Schäden an Körper und Seele, die jeglicher Missbrauch an Kindern hinterlässt. Per Pettersons Hauptfigur Audun ist ein typischer Teenager, zutiefst verunsichert und auf Zuneigung angewiesen, gleichzeitig aber wegen der Umstände frühzeitig eigenständig und unabhängig.

Subjektiv gesehen muss ich sagen, dass für mich keines von Pettersons anderen Werken an das unsagbar schöne Pferde stehlen heranreicht, ich seinen schnörkellosen, selbstgenügsamen Stil aber sehr mag. Dieses Buch, im Original bereits 1992 erschienen, nennt die Times „sensibel, klar und messerscharf“; es ist voller Resignation und Hoffnung, voll Wut und Bitterkeit. Stärke bezieht Audun – wie alle von uns von Zeit zu Zeit – aus dem Schulterzucken, mit dem er Schicksalsschläge abtut, den Kragen hochgeschlagen und die Zigarette im Mundwinkel, was hilft es, was bleibt anderes, als mit nonchalanter Wegwerfbewegung zu sagen, Leck mich am Arsch, ist schon in Ordnung.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Cover erinnert an James Dean und Konsorten, lässt das Raubeinige, Dreckige, Gleichgültige, das den Kern dieses Romans ausmacht, erahnen.
… fürs Hirn: das Wissen, dass Auduns familiäre Situation keine Ausnahme, sondern die Regel ist.
… fürs Herz: der Mut, mit dem Audun sich durchbeißt, die Gefühle hinunterschluckt und weitermacht, immer, immer einfach weitermacht.
… fürs Gedächtnis: jene Zeit im Sommer, die Audun ganz allein in einem Pappkarton unweit seines Zuhauses verbringt.

Ist schon in Ordnung ist erschienen im Carl Hanser Verlag (ISBN 978-3-446-23640-0, 19,90 Euro, 224 Seiten).

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