Für Gourmets: 5 Sterne

Larissa Boehning: Das Glück der Zikaden

Das innere Erbe der Generationen
Nadja liebt ihr Leben in Russland, sie steht auf einer Revuebühne, spielt Klavier und singt – das erfüllt sie und bietet einen Ausgleich zum Alltag mit Ehemann Anton und den Kindern Peter und Senta. Doch als Hitlers Macht größer wird, wollen die Russen alle Deutschen aus dem Land verschwinden sehen, und so wird Nadja – die sich als Russin fühlt, aber deutsche Vorfahren hat – mit ihrer Familie vertrieben. Sie stranden in Berlin, wo Anton wie eine geschmeidige Katze auf die Füße fällt, während Nadja ganz bewusst in Melancholie versinkt und nie wieder daraus auftaucht. Diese Teilnahmslosigkeit dem eigenen Schicksal gegenüber vererbt sie Senta: „Senta erbte demnach weniger Teller oder Tassen. Sie erbte eher größere Bestände an ungelebtem Leben. (…) Aber vor allem schaffte sie es, und das war ihre Kunst, aus dem Mangel eine Fülle zu generieren, einfach weil sie fünf Kinder gebar und somit dem umfassenden Gefühl, einsam zu sein, eine Quirlhorde Lebendigkeit entgegensetzte.“ Die Liebe allerdings, die hat Senta gehen lassen – zusammen mit dem jungen Gregor, der aus Überzeugung in die DDR übersiedelte, um Berufsrevolutionär zu werden. Finanziell geht es Senta gut mit ihrem Mann, dem Anwalt, emotional verkümmert sie. Ihre Tochter Katarina sieht sich – genau wie Senta einst – einer abweisend-leblosen Mutter gegenüber. Und doch scheint es, als könne mit ihr in der dritten Generation endlich ein Heilungsprozess beginnen …

Das Glück der Zikaden ist ein Roman über drei Frauen und den Aufruhr in Deutschland zwischen Zweitem Weltkrieg und Mauerfall. Larissa Boehning, die bereits für ihren Debütroman Lichte Stoffe mit Preisen bedacht wurde, ist eine kluge, behutsame Erzählerin, die stets den Überblick behält und sich trotz der ausufernden, elegisch schönen Sprache nicht in den Wortgebirgen verliert. Sie richtet den Fokus auf drei Frauen, die einander furchtbar ähnlich sind, die voneinander gelernt und Verhaltensweisen übernommen haben und sich gerade deshalb eine von der anderen abgestoßen fühlen. Sie stellt diese drei Frauen auf eine Bühne, deren Kulisse wildes Zeitgeschehen ist: die Vertreibung der Deutschen aus Russland, Bombenregen über Berlin, der Bau der Mauer. Nadja fühlt sich entwurzelt, sie igelt sich ein und verweigert sich, sie gibt die innere Distanz zum Leben weiter an Senta, die sich in ihrer eigenen Tochter wiederum gespiegelt sieht: „Aber in der nächsten Sekunde stieß das Nebulöse, das von Katarina ausging, sie ab. Es ähnelte ihrer eigenen Weltabgewandtheit zu sehr.“ Auch Katarina trägt schwer an diesem Familienerbe: „Nie fiel Katarina deutlicher auf, wie sehr sie die Tochter ihrer Mutter war. Genau wie Senta wußte sie nichts zu sagen, fühlte sich eingeengt durch ihre Ernsthaftigkeit, ständig beschäftigt mit dem Versuch, das Leben zu begreifen, während sie mit großem Abstand davorstand und meinte, es nur ausgiebig betrachten zu müssen.“

Und so ist Das Glück der Zikaden eine intelligente, detailreiche Auseinandersetzung mit Heimatlosigkeit und Distanz, mit Unnahbarkeit und den Wunden, die sie in allen Kindern schlägt. Handlung gibt es ausreichend in diesem Buch, und doch liegt die Gewichtung auf dem Fühlen, auf dem Innerlichen, auf der Wechselbeziehung zwischen Empfinden und Erleben – mitten in einer gefährlichen, sterbenselenden Zeit. Dies ist ein Roman über Frauen, die Männer sind auf den ersten Blick nur Begleitpersonen. Es stellt sich jedoch heraus, dass alle drei Frauen völlig fremdbestimmt sind, ihr Leben aus der Hand geben und dann erstaunt und unglücklich zusehen, was mit ihnen geschieht. Bewusst ist ihnen dies durchaus, wie Senta es ausdrückt: „Hier würde sie bleiben und den Schlaf ihres Mannes bewachen, dafür sorgen, dass alles so blieb, wie es war. Auch, wenn es bedeutete, sich wie die Schafe abzustumpfen, gefühllos zu werden, die Reste Schmerz zu verbannen, die ab und zu ihr Herz aufzurühren imstande waren.“ Sie lösen sich fast auf, diese Frauen, treiben ankerlos durch die Tage, haben kaum Berührungspunkte mit der Realität. Stilistisch erinnert Larissa Boehning an die Größe von Julia Franck (auch inhaltlich an den grandiosen Roman Die Mittagsfrau) und Zsuzsa Bánk. Das Glück der Zikaden ist herausragend gut geschrieben, es verlangt Aufmerksamkeit, es leuchtet.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Collage finde ich schön, das Gesicht mit dem schief aufgemalten Lippenstift erscheint mir allerdings unpassend, keine der drei Frauen stelle ich mir so vor.
… fürs Hirn: die Charakterstudie der Figuren: voller Optimismus dem Leben gegenüber versus zu willenlos, um nicht an seinen Klippen zu zerschellen.
… fürs Herz: der Schmerz, der mit all der Einsamkeit und der vererbten Unnahbarkeit einhergeht.
… fürs Gedächtnis: die Szene, in der Nadja vor den russischen Soldaten um ihr Leben singt.

Das Glück der Zikaden ist erschienen bei Galiani Berlin (ISBN 978-3-86971-039-6, 19,99 Euro, 320 Seiten).

0 Comments

  1. Gestern erst bin ich an dem Buch vorbeigelaufen, habe es mit den Augen berührt und nun hast du es für mich wieder auf deine schöne Art geöffnet. Wunderbar! Und ein Danke an dich dazu.

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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