Für Gourmets: 5 Sterne

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens

„Wer mit einem Fuß in der Vergangenheit und dem anderen in der Zukunft steht, der scheißt auf die Gegenwart“
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Aber: „Meine Angst davor, einen Rückzieher zu machen, ist nicht so groß wie die Angst, keinen zu machen.“ Er besucht seine Mutter, die ihn nicht erkennt, hofft auf ein Zeichen: „Hat meine Anwesenheit irgendeine spürbare Wirkung auf sie? Unmöglich zu sagen. Trotzdem sitze ich neben ihr und tue so, als wäre ich erwachsen.“ Während er alte Freunde aus seinen rauschhaften Zeiten wiedertrifft und verrückte Nächte mit der Malerin Corinne verbringt, versucht James eine Entscheidung zu fällen, die unmöglich zu treffen ist.

Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Es ist faszinierend, wie der Autor, der selbst aus Buffalo stammt, sich hineinfühlt in einen Menschen, der Alzheimer hat, dem alles auseinanderfällt, der sich sprachlich und motorisch nur noch gebärden kann wie ein Kind. Gleichzeitig geht er auf die Trauer und die Angst der Angehörigen ein – Ehemann, Sohn und Tochter. Man kann sich als Leser gut vorstellen, wie schwierig die Situation für alle Beteiligten ist. Und dann fragt Greg Ames ganz offen und unsentimental: Ist aktive Sterbehilfe die Lösung?

Der bisher beste Tag meines Lebens hat mich sehr berührt. Der junge James, der viel falsch gemacht und Probleme mit Nähe hat, ist ein sympathischer und glaubwürdiger Held. Durch eine „Oral History“, in der verschiedene Persönlichkeiten Buffalos zu Wort kommen, zeigt Greg Ames seine Stadt in all ihren Facetten und lässt sie auf originelle Weise lebendig werden. Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit und perfekt formulierten Passagen: „Lavendelsäckchen der Schlaflosigkeit unterstrichen ihre Augen“, „Unsere alte Freundschaft ist verwischt wie von einer Mauer geschrubbte Graffiti“ oder „Die Gespräche summen um mich herum wie eine Wolke leuchtend grüner Fliegen. Ab und zu landet eine auf meiner Nase.“ Begeistert bin ich auch vom meisterhaft gelösten und unerwarteten Ende. Ich freue mich außerdem, den Steidl-Verlag entdeckt zu haben, der noch die eine oder andere literarische Perle im Programm glitzern hat. Der bisher beste Tag meines Lebens ist ein wunderbares, respektvolles und gefühlvolles Buch, rumdum gelungen.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro).

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