Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Steve Toltz: A fraction of the whole

Ein Epos über einen Sohn und seinen Vater
Jasper ist der Sohn von Martin Dean. Und während es generell niemanden auszeichnet, der Sohn von jemandem zu sein, ist das in diesem Fall tatsächlich eine Leistung: Jasper wird mit den philosophischen Halbweisheiten seines grüblerischen Vaters großgezogen und mit seinen Geschichten. Zum Beispiel jener über Terry Dean, Martins Bruder und Australiens berühmtesten Mörder. Die Geschichte über seine tote Mutter Astrid muss sich Jasper allerdings mithilfe der Notizbücher seines Vaters selbst zusammenreimen. Im Reigen der Menschen in Jaspers Leben gibt es noch den undurchsichtigen Eddie und Caroline, zugleich Terrys und Martins große Liebe. Wie Jasper mit seinem Vater ringt, ihn aus dem Irrenhaus holt, in ein Labyrinth zieht und schließlich Hals über Kopf mit ihm fliehen muss – davon erzählt Steve Toltz in A fraction of the whole.

Dies ist ein absordes, verrücktes Buch, in dem stets, wenn man sich gerade wieder gemütlich eingelesen hat, etwas absolut Unerwartetes geschieht. Steve Toltz strotzt offensichtlich nur so vor schrägen Einfällen, die er allesamt in diesem 700-Seiten-Wälzer (auf Deutsch hat der Roman mit dem Titel Vatermord und andere Familienvergnügen gar 800 Seiten) gepackt hat. Der junge Autor, der es mit diesem fulminanten Werk auf die Shortlist des Man Booker Preises geschafft hat, schildert eine ungewöhnlich enge Vater-Sohn-Beziehung, die teilweise monströse Auswüchse annimmt. Jasper kann sich nicht lösen vom dominanten Vater, seinen absurden Ideen, seinen Krankheiten und Erzählungen. Schlimm ist es für ihn während der Pubertät, weil er mit den üblichen Problemen, der ersten Liebe und dem wahnsinnigen Vater gleichzeitig zu kämpfen hat. Es gibt Momente, da erinnert mich dieses Buch an John Irvings Romane, der ja auch einen starken Hang zu Vater-Sohn-Bindungen hat und immer wieder höchst eigenwillige Charaktere erfindet.

Steve Toltz schrammt oft haarscharf am Unglaublichen vorbei. Deshalb muss man sich ganz bewusst fallen lassen in dieses Lesevergnügen, es in seiner Verrücktheit annehmen und aus dem Vollen schöpfen. Manche Vergleiche sind so genial, dass sie einem richtig auf der Zunge zergehen: „Dad’s smile grew even wider, making him look like a chimpanzee who’d had peanut butter smeared on his gums for a television commercial“ zum Beispiel oder: „Becoming a public figure is like befriending a Rottweiler with meat in your pocket“. Steve Toltz überzeugt mich durch seine Formulierungen: „Dad was having trouble breathing, as if something were blocking his airway – maybe his heart“ und seinem Einfallsreichtum. Einziger Wehrmutstropfen ist, dass das Ende im Vergleich zu den durchgedrehten Ereignissen davor fast ein wenig unspektakulär daherkommt. A fraction of the whole ist ein Feuerwerk von einem Buch, klug, witzig und sehr originell.

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