Gut und sättigend: 3 Sterne

Elisa Albert: Das Buch Dahlia

Die pure Bosheit in ein Buch gegossen
Dahlia ist 29 Jahre alt und verbringt den Großteil ihrer Zeit damit, auf der Couch zu lümmeln, zu kiffen und fernzusehen. Eine richtige Ausbildung hat sie nicht, auch keinen Job, denn „was für eine Tätigkeit würde sie denn mal davon abhalten, sich jeden gottverdammten Tag die Kugel geben zu wollen?“ Das Leben ist gemütlich, weil Vater Bruce es finanziert und niemand etwas von Dahlia verlangt. Doch dann ändert sich alles, und zwar so richtig: Dahlia bekommt die Diagnose Hirntumor. Sie hat Krebs, bösartigen Das-ist-dein-Ende-Krebs. Ihr steht ein „echter, langwieriger, grausiger, ungerechter, hässlicher Tod“ bevor. Das macht Dahlia stinkwütend – und ihre verkorkste Familie sowie die vielen abgedroschenen Selbsthilfe-Floskeln sind ihr überhaupt keine Hilfe.

Hass ist eine wuchtige Keule, die doppelt zuschlägt: nach innen und nach außen. Dahlia trägt eine Menge Hass in sich, und im Lauf des Romans wird verständlich, warum: Von der exzentrischen Mutter Margalit im Stich gelassen, klammerte sich Dahlia als Kind voll blinder Liebe an ihren großen Bruder Dan, der sie so viele Jahre wie den letzten Dreck behandelte, dass Dahlias Gefühle irgendwann einfroren. Der nachgiebige, unselbstständige Vater Bruce konnte weder die Familie zusammenhalten noch die fallende Dahlia auffangen. Die logische Konsequenz: Alkohol, Drogen und allgemeine Orientierungslosigkeit. Dahlias Leben war eine Ansammlung von Enttäuschungen und Traumata. Ist es da etwa ihre Schuld, dass aus ihr nichts geworden ist? In einer beispiellosen Schimpftirade kotzt Dahlia sich aus über ihre Kindheit und Jugend, über die Ungerechtigkeit und den Verlust der Unschuld. Sie kann dabei so gehässig sein, wie sie will – sie ist ohnehin bald nicht mehr da.

Negatives Denken, so heißt es, macht krank. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man nur positiv denken muss, um zu gesunden, und wir werden überschüttet mit Beispielen dafür, dass Menschen durch Selbstheilung den Krebs besiegt haben. Hat also Dahlia mit ihrer Wut den Tumor selbst gezüchtet? Ist es ihre Schuld, dass sie so jung sterben muss? Mit dieser Frage spielt Elisa Albert ganz geschickt in Das Buch Dahlia. Ihre Protagonistin darf böse, rotzig und schonungslos sein, sie bohrt in den eiternden Wunden der Vergangenheit und spuck einen Schwall Verachtung in die Welt. Das zu lesen, ist ebenso gewöhnungsbedürftig wie befreiend. Als Leser weiß man manchmal nicht, ob man überhaupt Mitleid haben soll mit Dahlia – oder sich einfach freuen soll, dass man selbst gesund ist. In jedem Fall gibt einem dieses krasse Buch zu denken, man möchte sich aufraffen und sofort die Zeit, die einem noch bleibt, besser nutzen. In einer brutal offenen, hasserfüllten Sprache schildert die Autorin, wie scheiße es ist, an Krebs zu sterben. Das Buch Dahlia ist wütend, stinkig, unschön und räumt auf mit den Denk-dich-gesund-Parolen. Man sollte gute Nerven mitbringen für diesen Roman, in dem die Traurigkeit hinter all dem Sarkasmus stets durchscheint. Wer dieses Buch gelesen hat, wird das Leben wieder mehr genießen. Weil er weiß: Life’s a bitch and then you die.

Das Buch Dahlia ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3423139496, 8,90 Euro).

0 Comments

  1. aha. ich habe deine rezi mit großen interesse gelesen, weil ich das buch von meiner buchhändlerin als leseexemplar bekommen hatte. Nach ein paar seiten habe ich es dann wieder in das regal gestellt, weil … keine ahnung mehr, aber irgendwie habe ich den zugang nicht gefunden. nach deiner besprechung scheint es aber doch noch einen versuch wert…

    danke!

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  2. Zufällig hatte ich es beim letzten Hugendubel-Besuch auch in der Hand und habe reingelesen – und es schnell wieder weggestellt. An sich ein vielversprechendes Thema, jedoch die Umsetzung (so weit ich sie beurteilen kann) verschenkt viel Potenzial.

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  3. Mariki Author

    Ton und Stil des Buchs sind tatsächlich sehr ungewöhnlich und heftig. Ich war aber durch die Bloggerstimmen diesbezüglich schon vorgewarnt und hatte deshalb vielleicht einen anderen Zugang. Ich fand es dann unerwartet originell, so eine Hasstirade zu lesen! Ich mag es ja ansonsten sehr poetisch, dieses Buch war mir aber als Abwechslung willkommen.

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  4. das ist … cool. wünsche mir seit langem ein buch, zu dem es einen soundtrack gibt. musik in filmen beeinflusst den gesamteindruck doch immens, erzeugt stimmungen etc. übrigens keine schlechte playlist, ein paar gute titel sind dabei :-)

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  5. I did it. aber ich bestehe darauf, daß ich das mit dem „kotzen“ eigenständig fabuliert habe. schließlich hatte ich ja vorher bukowski gelesen. meine bestehung ist also glaubhaft!

    lg
    fs

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