Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Elisabeth Binder: Der Wintergast

Eine Erzählung, so klar wie eine Bergquelle
An der Kunst ist er gescheitert, den großen Durchbruch hat er nicht geschafft: Andreas nimmt die Gelegenheit wahr, nach der Trennung von seiner Freundin den Winter in einem kleinen Bergdorf zu verbringen. Er kommt bei der ehemaligen Opernsängerin Susanna in ihrem weitläufigen Palazzo unter. Und er ist nicht ihr einziger Gast: Die Pfarrerin Maddalena hat einen verletzten Adler geborgen, den Susanna gesund pflegt. Die Berge thronen majestätisch über allem, „Riesengestalten, die sich von einer Verkrustung hatten befreien müssen, um, so ungeheuer eigenwillig, sie selbst zu sein“. Viel ist nicht los in diesem stillen Ort: „Die Dinge warten. Auch die Dinge haben hier Routine im Warten.“ Bis dann doch einmal etwas passiert: Am 24. Dezember verschwindet die kleine Andrea, die in Maddalena so gern eine Mutter hätte. Und Andreas macht sich auf die Suche nach ihr …

In Der Wintergast porträtiert die Schweizer Autorin Elisabeth Binder ein beinahe unscheinbares Dorf im Schatten dominanter Berge an der italienischen Grenze. In diesem Minimundus schickt die Schriftstellerin wie in einem Figurentheater ihre Charaktere nacheinander ins Rampenlicht: die zweifelnde Pfarrerin Maddalena und den orientierungslosen Künstler Andreas, die Schwestern Ada und Franca, die Tag für Tag in ihrem kleinen Dorfladen sitzen, die vier Schweine, die ein unwürdiges Dasein fristen, Andrea, ihren Vater und ihre Großmutter und den Berggeist, der traurig ist, weil ihn niemand mehr sehen kann. Wie durch ein Kaleidoskop beobachtet man als Leser diesen Menschenreigen. Elisabeth Binder lässt uns durch ein Guckloch auf eine Handvoll Figuren blicken, während ein Winter kommt und geht. Kulisse und Hauptdarsteller zugleich ist die Natur, das Erhabene der Schöpfung.

In einer eindringlichen Prosa und einer sehr eigenwilligen Satzstellung erzählt die preisgekrönte Autorin von zwei Gästen, die gesunden müssen: Andreas und der Adler. Ihre Worte sind gut gewählt, ihre Sätze brechen teilweise unvermittelt ab, was dem Schreibstil etwas Schwebendes, Schwereloses verleiht: „Aber es ist ein herrliches Abenteuer mit der Wirklichkeit, je mehr ich arbeitete, desto mehr sah ich, neu und anders, alles wurde von Tag zu Tag größer, auch rätselhafter, im Grunde wurde es von Tag zu Tag unbekannter und schöner, es hätte noch tausend Jahre dauern können, ich genoss es ganz und gar – “ Ich mag diesen Stil sehr, und ich gehe gerne ein Stück des Weges mit den Protagonisten dieses feinsinnigen Buchs, bevor der Winter zu Ende ist und sich der Deckel über den Figuren wieder schließt. Dies ist ein Roman ohne Knalleffekt, der manchmal eben gar nicht nötig ist. Eine schöne, angenehme Lektüre über die kleinen Probleme und Eigenheiten, die uns Menschen ausmachen – und ihre Unwichtigkeit im Angesicht der Natur.

Lieblingszitat: „Denn sie wollte ja noch ein wenig leben. Weiterleben. Wozu? Keine Ahnung. Einfach leben. Im Licht. Mit dem Wasser, den Steinen, den Flechten, dem Gras, den kahlen Bäumen, den Dohlen hoch oben, die die Felsen entlangstreichen. Jetzt, wo der Frühling wieder kommt.“

Der Wintergast ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3608938906, 18,95 Euro).

3 Comments

  1. Dieses Buch ist mir vor einiger Zeit schon mal aufgefallen, allerdings konnte mich der Klappentext nicht überzeugen. Nun weiß ich, dass mir der Schreibstil auch nicht zusagt und ich es lieber nicht haben möchte. In diesem Sinne: Eine für mich hilfreiche Rezension, vielen Dank!
    Liebe Grüße,
    Ada

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    1. Es gibt bestimmt auch viele Leser, denen genau das gefällt und dadurch, dass mich das Buch bzw. die Inhaltsangabe von Anfang an nicht ganz überzeugen konnte, ist es kein großer Verlust 😉

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