Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Eli Gottlieb: Was niemand sah

Hintergründe und Auswirkungen einer Tragödie
Nick lebt mit seiner schönen Frau und zwei kleinen Söhnen in einer Kleinstadt. Sein Leben ist nicht unglücklich, aber auch nicht erfüllt. Aus dem Trott reißt ihn der Tod seines Freundes Rob: Er hat zuerst seine Freundin Kate erschossen und dann die Waffe gegen sich selbst gerichtet. Er ist von dem Sockel gestürzt, auf den ihn, den erfolgreichen Schriftsteller, die Bewohner der Kleinstadt gestellt haben. Entsetzen und Ungläubigkeit machen sich breit, während ein Medienrummel um den Skandal beginnt. „Wir benahmen uns kollektiv wie eine Hure, die über das Leben, das sie führt, wütend ist, sich aber trotzdem schminkt und wartet und zur Verfügung steht.“ Abseits der Öffentlichkeit muss Nick mit dem, was geschehen ist, fertig werden – aber er schafft es nicht. Schon in ihrer gemeinsamen Kindheit warf der exzentrische Rob seinen Schatten auf den schüchternen Nick, und als sie erwachsen waren, blieb Nick die Motte und Rob das Licht. Nicks Ehe geht es so wie vielen anderen: Er und Lucy kommunizieren kaum, sie leben aneinander vorbei und reiben sich dabei auf. Während Nick nach der Wahrheit und seiner eigenen Identität sucht, funkt ihm auch noch Robs reizvolle Schwester Bonnie dazwischen …

Was niemand sah ist ein überraschend fesselnder Roman über die Hintergründe eines Eifersuchtsdramas. Mit Nick hat Eli Gottlieb einen Durchschnittstypen erschaffen, der in seinem eigenen Leben nicht glänzen kann, der im trüben Teich einer Kleinstadt vor sich hin dümpelt und dem der Tod eines Freundes vor Augen führt, wie leer seine Tage sind. Dabei kann der amerikanische Autor mit einem geschmeidigen Erzählstil und originellen Formulierungen wie „Lucy wartete zu Hause auf mich, als ich von der Arbeit kam, und sie sah aus wie eine Stadt bei Stromausfall“ punkten. Er hat Talent, er ist ein Geschichtenerzähler, der es versteht, aus einem so wenig verlockenden Stoff wie diesem – ein Leben in einer 08/15-Kleinstadt, ein Gescheiterter, der seine Freundin und sich selbst erschießt – einen so verwickelten Plot zu entwerfen, dass man tatsächlich bis zum Schluss interessiert am Ball bleibt.

Zwar wartet Was niemand sah mit einigen klischeehaften Wendungen auf, die an sich gut durchdachte Struktur und die geschliffene Sprache machen das jedoch wieder wett. Man kann sich identifizieren mit diesem Protagonisten, der im Dunkeln steht, als der helle Stern seines egozentrischen Freundes erloschen ist. Was ihm noch bleibt, das muss er sich mühsam zusammenklauben, seine Frau und seine Eltern sind ihm dabei nicht gerade eine Hilfe. Klar ist, dass er dem Leser zu Beginn viel verschweigt und die Wahrheit erst am Ende aufdeckt. Wie es sich gehört für ein gutes Buch.

Was niemand sah ist im Droemer Verlag erschienen (ISBN 978-3426198896, 19,90 Euro).

One Comment

  1. Iris Hechenberger

    Warum du dieses Buch so hoch bewertest, werde ich wohl auch nicht verstehen. Aber vielleicht mochte ich es gar nicht, weil ich es zwangsweise begutachten musste?
    Egal, megalangweilig …

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