Für Gourmets: 5 Sterne

Colum McCann: Zoli

Einen „uralten Akkord der Zärtlichkeit“ …
… schlägt Zoli auch in mir an. Dass dies ein trauriges Buch ist, sagt einem sofort der Inhalt: Es geht um die Roma. Ich weiß wenig über dieses geächtete, vertriebene und zu Tode geprügelte Volk – aber in Zoli wird es lebendig, seine Sitten, Gesetze und Erlebnisse werden greifbar. Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um von diesem Buch nicht getroffen zu werden: In einer eindrucksvollen Sprache mit herrlich schönen Metaphern beschreibt Colum McCann, wie das junge Zigeunermädchen Zoli zur Frau und – weil sie versucht, ihrem Volk eine Stimme zu geben – ausgestoßen und verflucht wird. Die Befehlshaber wechseln – von den Hlinka-Gardisten und Nazis zu den Kommunisten – doch die Situation für die Roma bleibt immer gleich: Sie gelten als Lügner und Diebe, als schmutzig und dumm, sie sind unerwünscht und verhasst. „Es gab natürlich keine Radiosendung in Romani“, sagt die junge Zoli, „nicht einmal für eine halbe Stunde, und so erfuhren wir nicht, was mit unserem Volk geschah.“ Zoli hat auf der Welt nur noch ihren Großvater, einen rauen, sturen Mann, und ihre Verwandten im Geiste, das fahrende Volk. Sie wächst in einem alten, wunderschön geschnitzten Wagen auf, sie näht sich nach alter Tradition Münzen ins Haar, sie wäscht sich in fließenden Gewässern und ernährt sich von dem, was sie findet. Und sie singt. Sie singt die alten Lieder eines Volks, dem der Tod stets auf den Fersen ist.

Erzählt wird diese starke, wilde Geschichte von Zoli selbst, vom jungen Engländer Swann, der in den frühen Sechzigerjahren in die Slowakei kommt und maßgeblich daran beteiligt ist, dass Zoli für immer von den Zigeunern verstoßen wird, sowie von einem Journalisten, der im Jahr 2003 auf Zolis Spuren wandelt. Überraschend dabei ist, dass Colum McCann Zoli sowohl in der ersten Person berichten lässt als auch in der dritten Person über sie schreibt. Während mich dieser Perspektivenwechsel zuerst irritiert hat, scheint er mir am Ende plötzlich logisch und wichtig: Es ist, als würde sie aus der Distanz von etwas erzählen, bei dem sie sich so fühlt, als hätte jemand anderes es erlebt – denn sie ist diese Person nicht mehr. Zoli ist ein Buch mit einer nicht (ganz) linearen Handlungskette,  ein mutiges, stolzes, anklagendes Buch, das doch niemals wehleidig wird. „Lass die Menschen vier verschiedene Meinungen über dich haben“, sagt Zoli, „und alle falsch sein.“

Zoli zu lesen, tut weh. Colum McCann hat ausgezeichnet recherchiert und erweckt die zum Leben, die tot sind: in ihren Gesten und in ihrem Lachen, in ihrem Anderssein. Mit Zolis Stimme verurteilt er alle, die intolerant und grausam sind. Er spielt mit Klischees, aber er zeichnet nicht in Schwarz und Weiß: Auch die Roma haben in seinem Buch ihre schlechten Seiten. Sein Stil ist dabei beeindruckend scharf und gleichzeitig verspielt, durchsetzt mit grandiosen Sprachbildern wie „Elena, eine Polin mit Haaren so schwarz wie ein Fingerabdruck“. Meisterhaft gelungen ist das Ende, das mich versöhnt, aber dennoch wehmütig zurücklässt. Ein schmerzhafter, großartiger, unvergesslicher Roman – vielleicht nicht „das perfekte Buch“, aber zumindest eins der wenigen, die ich nicht vergessen werde.

Lieblingszitat: Es gibt ein altes Roma-Lied, in dem es heißt, dass wir anderen Menschen kleine Teile unseres Herzens geben, und je weiter wir im Leben voranschreiten, desto weniger vom Herzen bleibt für uns selbst, bis schließlich nicht mehr genug da ist. Man nennt es Reise, man nennt es auch Tod, und weil es uns allen so ergeht, gibt es nichts Gewöhnlicheres als das.

2 Comments

  1. Dieses Buch steht schon etwas länger ungelesen in meinem Regal. Die Inhaltsangabe hatte mich damals sofort angesprochen und deine Rezension lässt mich nun noch neugieriger darauf werden. Sehr schön! :)

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