Netter Versuch: 2 Sterne

Diego De Silva: Certi bambini

SilvaVöllig asoziale Kinder in einer anonymen italienischen Stadt
Rosario ist elf Jahre alt und wohnt allein mit seiner betagten Großmutter in einer italienischen Stadt, deren Name nicht genannt wird. Jeden Tag trifft er sich mit seinen Freunden bei Burger King, trinkt Bier und raucht. Was in seinem Fall noch das Harmloseste ist: Denn eines Tages steht Rosario morgens auf, richtet der Oma das Frühstück, zieht sich an wie ein Fußballer und geht los, um einen Mann zu erschießen. So beginnt Diego De Silvas kurzer Roman über einen Jungen, der führungs- und orientierungslos durchs Leben stolpert und mit den falschen Leuten in Kontakt kommt.

Ich kannte den Autor nicht und hab mich beim Buchkauf in Florenz vom Klappentext überzeugen lassen. Der verspricht jedoch etwas, das das Buch nicht halten kann: Zwar ist Diego De Silva ein guter Beobachter, der sich einer recht detailverliebten Sprache bedient. Die Geschichte schreitet voran und man erfährt einiges über Rosarios Leben – dass er den älteren Santino bewundert und in die 17-jährige schwangere Caterina verliebt war. Doch während die noch zu lesenden Seiten schwinden, wird mir klar, dass alles, was mich interessiert, im Roman nicht zur Sprache kommt: Wo sind Rosarios Eltern und wieso geht er nicht in die Schule? Was hat es mit dem Mord, den er begeht, auf sich, wer ist der Ermordete und was steckt hinter der ganzen Sache? Wie konnte Rosario in die Fänge der üblen Gestalten geraten – er ist ja kein Straßenkind – und wer sind die überhaupt?

Da alle diese Fragen unbeantwortet bleiben, bietet Certi bambini (zu Deutsch Bestimmte Kinder) nicht mehr als einen seichten Einblick in das außer Kontrolle geratene Leben eines Elfjährigen, der kaum etwas Kindliches an sich hat. Er und seine Freunde haben nichts zu tun, sie sind gewalttätig, schlagen willkürlich Menschen zusammen und stehlen. Ich kann nicht abschätzen, ob die Ereignisse realistisch sind. Dass es in vielen italienischen Städten Probleme mit Kriminalität und Bandenkriegen gibt, ist mir völlig klar. Wie hier jedoch ein Minderjähriger in die Verbrechen miteinbezogen ist, erscheint mir doch recht übertrieben – was vielleicht daran liegt, dass die Hintergründe nicht erklärt werden. Ein großer Minuspunkt für ein Buch, das zumindest im Ansatz interessant ist bzw. gewesen wäre. Von Diego De Silva ist heuer ein anderer Roman auf Deutsch erschienen.

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