Gut und sättigend: 3 Sterne

Sergej Dowlatow: Der Koffer

DowlatowRussische Geschichten zum Schmunzeln
Nach einer Rezension in den Salzburger Nachrichten, die ich Korrektur gelesen habe, ist dieses Buch auf meiner Wunschliste gelandet. Überrascht hat mich, dass es eigentlich recht alt und der Autor schon tot ist – der Roman wurde 1986 geschrieben, 1990 ist Dowlatow verstorben. Wunderbar finde ich sein Foto auf dem Umschlag – er sieht so dermaßen russisch aus, dass es eine Freude ist.

Eine Freude sind auch die kleinen Geschichten, die aus dem Koffer kommen: Sergej wandert von Russland nach Amerika aus, mit einem einzigen Koffer und wenig Besitz. Viele Jahre später schaut er in den Koffer hinein – und erzählt uns zu jedem Ding, das er findet, eine Geschichte, eine russische, traurige, tragische und komische Geschichte. Dowlatow hält sich nicht lange auf mit öden Beschreibungen der Sowjetunion, er lässt die Dinge sprechen – grüne Acrylsocken, sinnlose Politikerbüsten, viele, viele Wodkaflaschen. Dabei weiß man nicht genau, wie viel Realtität ist und wie viel Fiktion. Doch die Anekdoten sind so verrückt, dass sie glatt wahr sein könnten.

Dowlatow bringt das, was für mich die klischeehafte russische Seele, in Wodka getränkt, ausmacht, auf den Punkt und lässt mich schmunzeln. Ganz wunderbar sind Sätze wie “Ich lasse mich andauernd auf absurde Vorschläge ein. Nicht umsonst sagt meine Frau immer: Dich interessiert alles, außer deinen ehelichen Pflichten. Meine Frau versteht uner ehelichen Pflichten in erster Linie Nüchternheit.” Das Einzige, was mich an diesem Buch gestört hat, ist, dass es so kurz ist und so wenig Fragmente enthält. Ich hätte gern noch mehr erfahren, wäre gern tiefer eingetaucht in dieses düstere und doch so ironische Russland der 70er.

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