Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Elizabeth George: Doch die Sünde ist scharlachrot

Rätselraten auf hohem Niveau
Damals, als ich Krimis noch mochte und las, war ich ein großer Fan von Elizabeth George – sie war (und ist!) in meinen Augen eine der besten Krimiautorinnen überhaupt. Mit 18 habe ich in Englisch mündlich über ihre Bücher maturiert – man könnte also sagen, wir haben eine ganz besondere Beziehung. Besonders atmosphärisch werden ihre Bücher dadurch, dass sie auch sämtliche Nebenpersonen in die aufwändigen Plots einspinnt. Da die komplexen Beziehungsstrukturen der Protagonisten in allen Romanen weitergeführt werden, sollte man unbedingt mit dem ersten (und einem der besten) Teil (A great deliverance) der Serie beginnen.

Dass es diesen Teil – ich habe das Zählen längst aufgehört, glaube aber, dass es der 15. ist – überhaupt geben wird, daran habe ich wirklich gezweifelt. Zuvor (in With no one as a Witness) hat George ihrem Inspektor Lyney alles angetan, was sie ihm überhaupt nur tun konnte, sie hat ihn systematisch zerstört und es war nicht klar, ob er wieder aufstehen würde. Was also kann sie tun mit einer so völlig nackten Figur, der sie alles genommen hat? Sie lässt ihn gehen, er wandert, ungewaschen, ungepflegt, ohne Geld, ohne Ausweis, ohne Plan, entlang der Südwestküste Englands. Und dort – wie könnte es anders sein – wird er zurückgeworfen auf seine Bestimmung, denn er findet eine Leiche. Es handelt sich dabei um den 18-jährigen Santo Kerne, der beim Klettern abgestürzt ist. Schnell stellt sich heraus, dass das – surprise – kein Unfall war.

Während Lynley mit den Erinnerungen an sein eigentliches Leben, an seine Liebe, kämpft, sucht Polizistin Bea Hannaford nach dem Mörder. In feinster Krimimanier bietet George eine ganze Palette von Verdächtigen: Da wären Santos Eltern, aneinander gekettet durch eine krankhafte Hassliebe, seine Schwester, seine Exfreundin und ihr Verehrer, dann gibt es noch eine Tierärztin, die mehr verschweigt, als sie erzählt, und einen alten Mann aus der Vergangenheit. Das ist Rätselraten auf hohem Niveau, spannend und gut konstruiert. So richtig aufs Neue begeistert bin ich aber erst auf Seite 400, als endlich Barbara Havers zum Ermittlungsteam an der Küste Cornwalls stößt. Ich liebe sie abgöttisch, diese unmodische, unattraktive und unkonforme Figur, die in diesem Roman zwar nicht allzu viel zu sagen hat, aber trotzdem unverzichtbar ist.

Es gab eine Zeit, da wollte ich mir Elizabeth George abgewöhnen, weil ich überessen und ein bisschen enttäuscht war. Jetzt bin ich wieder voll dabei. Serviert mir den nächsten Gang!

One Comment

  1. Mariki Author

    Nicola schrieb am 18. April 2009 @ 7:27

    Ich finde, es ist einer ihrer besten Fälle, und so fesselnd, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Manchmal fragt man sich, ob wirklich jede Person ein schreckliches Geheimnis haben kann – aber vielleicht ist das in England so…auf jeden Fall wird es dadurch nur spannender!

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