Bücherwurmloch

Elina Penner: Nachtbeeren

„Nachts, wenn alle schlafen, komme ich gut zum Weinen“

„Wir spüren den Hunger unserer Großeltern, wir sprechen die Sprache unserer Urgroßeltern, wir kochen die Gerichte der Menschen, die Nachtbeeren pflückten und sie mit nach Russland nahmen, und trotzdem dachte Kornelius, dass sein Leben trennbar sei von dem der Bauern, auf die er herabsah.“

Nelli hat Kornelius geheiratet, weil er verfügbar war und weil ihre Aussichten nach ihrer Metzgerlehre ohnehin nicht rosig waren. Nelli ist zum Glauben übergetreten, weil es sich angeboten hat und sie nach dem Tod ihrer Öma diese große Leere gespürt hat, die mit nichts zu füllen war. Nelli hat sich mit ihrem Sohn Jakob eingeigelt, weil sie zu ihm eine enge Verbindung hat und keine weiteren Kinder mehr bekommen konnte. Jetzt ist Jakob schon fünfzehn, die Öma fehlt Nelli immer noch arg, und Kornelius ist verschwunden. In Rückblenden erzählen Jakob, Nelli und ihr Bruder Eugen vom Aufwachsen als Russlanddeutsche, von der plautdietschen Sprache und der mennonitischen Familie, von Heimat und Entwurzelung. Was auch immer im Angebot ist, wird palettenweise gekauft, der Alkohol fließt in Strömen, Frauen und Männer fügen sich in die traditionellen Rollenbilder, was vor allem bei Nelli für depressive Zustände gesorgt hat, und über allem liegt das Gemeinschaftsgefühl von Menschen, die sich aneinander festhalten.

„Unsere Leute, also ohnse, haben sich nie versteckt, es konnte sie nur keiner finden, weil sie nie jemand gesucht hat.“

Elina Penner ist selbst in der ehemaligen Sowjetunion geboren und 1991 nach Deutschland gekommen. Ihrem Debütroman merkt man an, dass sie weiß, wovon sie spricht, und das macht ihn so gut: dass er Einblick gibt in eine Lebenswelt, über die wir Außenstehende – die Hiesigen – wenig bis nichts gelernt haben. Sie schildert die Bräuche und Gerichte, verwendet die entsprechenden Begriffe und beschreibt ein Familiengefüge, das an den Umständen zerbrechen könnte, irgendwie aber trotzdem hält. Gleichzeitig ist dies ein Buch über die Last eines Frauenlebens und seine Zwänge, über tiefe Trauer und hohe Erwartungen. Es ist schön ironisch, ein bisschen böse, gefühlvoll und originell. Ihr solltet es unbedingt alle lesen. Well done, Elina! Ich feiere dich besonders für deine spitzfindigen Sätze wie diesen:

„Kornelius bewies in dem Moment einmal mehr, dass er kein Ehemann, sondern ein Mann in einer Ehe war.“

Nachtbeeren von Elina Penner ist erschienen bei Aufbau.

 

 

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