Bücherwurmloch

Lucy Fricke: Die Diplomatin

„Wir kannten keine Panik, wir waren Beamte“
Entschuldigt bitte, ich liebe dieses Buch. Das muss ich unbedingt vorweg sagen, ich erzähle euch auch gleich, worum es geht, aber das will ich voranstellen: Ich liebe alles daran. Den Ton, die Geschichte, die Figuren, das Ende und den Anfang auch. Ich finde es sogar noch besser als Lucy Frickes preisgekröntes und verfilmtes Buch „Töchter“. Ihr neuer Roman handelt von Fred, einer deutschen Konsulin, die zuerst in Montevideo landet, wo sie eigentlich eine gechillte Zeit haben sollte – doch wegen eines tragischen Zwischenfalls, der ihr angelastet wird, findet sie sich plötzlich in Istanbul wieder. Und hier stößt sie, die jahrzehntelang diplomatisch und besonnen war, die taktiert und kommuniziert hat, in jeder Hinsicht an ihre Grenzen. Denn in der Türkei spielen sich gefährliche politische Scharmützel ab, in die auch deutsche Staatsbürger geraten – allen voran ein Journalist, der Fred nicht nur in beruflicher Hinsicht zu nahe kommt.

„Hier wollte ich bleiben und auf die Revolution warten oder zumindest darauf, dass draußen eine bessere, gerechtere Zeit anbrach. Was wahrscheinlich hieß: Hier wollte ich sterben.“

Ah, es klingt schrecklich, wenn man sagt, man habe „gelacht und geweint“, nur ist es leider wahr: Mit den zynischen, resignierten Ansichten von Fred, die mit einem Lächeln im Gesicht am Weltgeschehen verzweifelt, hat Lucy Fricke mich komplett abgeholt und mich mehrmals laut auflachen lassen. Und mit dem Twist, den sie ihrer Geschichte gegen Ende gibt, hat sie mir tatsächlich die Tränen in die Augen getrieben. Dieser Roman ist nonchalant und fast beiläufig erzählt, macht kein großes Theater und trifft dabei doch so verblüffend genau. Er berichtet von Politik und Machtgehabe, von Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, aber auch von Solidarität, Menschlichkeit und Hoffnung. Ich hatte Gänsehaut im besten Sinne und zudem das Gefühl, ein zutiefst weibliches Buch zu lesen, das wunderbar klug, empathisch und dabei herrlich abgeklärt, ironisch ist. Voller Zwischentöne, nicht auserklärter Emotionen, schlagfertiger Dialoge und schwarzem Humor. Für mich ein absolutes Highlight, gefühlsgenau, klug und perfekt komponiert. Chapeau!

„Wann immer man jubelnd die Arme hochriss, traf einen der Schlag.“

Die Diplomatin von Lucy Fricke ist erschienen bei Claassen.

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