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Nadire Biskin: Ein Spiegel für mein Gegenüber

„Die Geschichte der Müdigkeit, die Geschichte des Hamsterrads, die Geschichte des Ungenügendseins“
Huzur ist Referendarin in Berlin, aber aktuell versteckt sie sich in der Türkei. Vor ihrem Leben in Deutschland, vor den Entscheidungen, die sie treffen muss, vor den Konsequenzen von „Kopftuch-Gate“ – dem Vorfall, der sie zu der überstürzten Flucht in die alte Heimat gebracht hat. Aber ist Bucak überhaupt ihre Heimat? Sie hat dort nur die Sommer verbracht, kennt den Ort zu keiner anderen Jahreszeit. Zurück in Berlin wird Huzur dann mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: An einer Bushaltestelle trifft sie auf ein Mädchen namens Hiba, das friert, Hunger hat und offenbar kein Zuhause. Huzur sieht den Ärger, den sie sich dadurch einhandelt, wie einen Film vor sich – und bietet Hiba trotzdem Unterschlupf. Was bedeutet das für ihre Beziehung zu dem Schweizer Raphael? Was bedeutet es für Huzurs mühsam aufgebautes, schön bemaltes Kartenhaus einer erfolgreichen Integration? Und was ist wichtiger: ein erfolgreicher oder ein guter Mensch zu sein?

Nadirek Biskin öffnet überwältigend viele Themen in diesem schmalen Roman, der einen zum Nachdenken bringt. Mit klarer Sprache und unverstellter Sicht erzählt sie, was es heißt, sich anzupassen, eine unauffällige Türkin zu sein, gerade so türkisch, dass man akzeptiert wird in Deutschland. Ist das überhaupt möglich? Wie sehr kann und muss man sich verbiegen, was gilt es zu erreichen? Und wie soll man dabei glücklich werden? Als ich das Buch fertiggelesen hatte, habe ich die Autorin auf Instagram angeschrieben, weil ich Antworten wollte. Sie hat etwas gesagt, das mich zum Lachen gebracht hat, weil ich es auch immer sage: dass ihr Roman keine Antworten geben, sondern Fragen stellen muss. Das ist vollkommen richtig, und Fragen wirft „Ein Spiegel für mein Gegenüber“ tatsächlich so einige auf. Vor allem setzt dieses Buch Gefühle frei, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie hat. Sie sind vielfältig, widersprüchlich und verwirrend. Sie haben mich verzweifeln lassen an der Menschheit und mich gleichzeitig hoffnungsfroh gemacht. Ein sehr kluges, aufwühlendes Buch, das mir neue Sichtweisen eröffnet hat. Keine schönen, aber umso wichtigere.

Ein Spiegel für mein Gegenüber von Nadire Biskin ist erschienen bei dtv.

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