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Yael Inokai: Ein simpler Eingriff

„Und mir wurde klar, was ein Bett tragen muss, Knochen und Fleisch und Blut und alles, was ein Mensch gesehen hat“
Die Krankenschwester Meret hat eine besondere Position: Sie darf dem Arzt bei seinen experimentellen Operationen assistieren. Sie glaubt an ihn und seine neue Methode, den Menschen die Wut auszutreiben, indem er eine bestimmte Gehirnregion „einschläfert“. Und das ist schließlich besser für die Patientinnen – es sind eigentlich nur Frauen –, nicht wahr? Doch dann wird Meret im selben Schwesternheimzimmer wie Sarah untergebracht, und während sie sich anfangs monatelang nie sehen, weil die eine Tagdienst und die andere Nachtschicht hat, ändert sich das an Weihnachten: Plötzlich beginnt etwas zwischen ihnen, das Meret die Welt bedeutet. Das aber, ginge es nach den Ärzten, auch etwas wäre, das „eingeschläfert“ gehört.

„Von hinten siehst du ganz glücklich aus.“

Als ich mitbekommen habe, dass es einen neuen Roman von Yael Inokai geben wird, war ich irre gespannt. Sie hat mich bereits 2018 mit „Mahlstrom“ von ihrer elaborierten Schreibweise überzeugt. Das neue Buch ist ebenso lakonisch und nüchtern, gleichzeitig durchdrungen von Gefühl: von Zweifel und zunehmenden Gewissensbissen, von wachsender Vertrautheit und Liebe. Die Rahmengeschichte mit der operierten Patientin wird verwoben mit einer Lovestory, die sich entspinnt und mich sehr eingenommen hat. Sie ist feinsinnig und empathisch erzählt. Nicht ganz einordnen konnte ich die Handlung zeitlich, sodass mir nicht klar war, ob sich die beiden Liebenden in Gefahr befinden oder dank moderner Zeiten zusammensein könnten. Dies ist ein eindringliches, sinnliches Buch, elegant, schnörkellos und klug. Yael Inokai schreibt mit einer beneidenswerten Sicherheit, die Sätze sind schnurgerade, da sitzt jedes Wort. Absolute Empfehlung!

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