Bücherwurmloch

Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter

„Die Strukturen unserer Gesellschaft, die weder gemacht sind für Menschen mit Kindern noch für Kinder selbst“
Unlängst hat Mareice Kaiser auf Twitter den Screenshot einer Absage gepostet, die von einem der Verlage kam, an die sie dieses Manuskript geschickt hat: bei der Zielgruppe vermutete man zu wenig Zeit zum Lesen. Ha! Das ist nicht nur eine unglaubliche Anmaßung und eine Verkennung der Tatsachen, dass lesende Frauen den Großteil der Buchkäufe tätigen, es ist auch herrlich ironisch: Die Zielgruppe eines Buchs, das die prekäre Situation der Mütter anprangert, sind nicht die Mütter – sondern wir alle als Gesellschaft.

„Bei Müttern kommen mehrere Diskriminierungsformen zusammen: die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts und die generelle Benachteiligung von Menschen, die mit Kindern leben und für sie sorgen.“

Mareice Kaiser, die als Autorin und Journalistin bekannt geworden ist für ihre Beiträge zu Inklusion, Gleichberechtigung, Feminismus und Bildung, schreibt in diesem sehr persönlich gehaltenen Sachbuch klar und augenöffnend über Gender Pay Gap und strukturelle Diskriminierung, über Körperlichkeit, Schönheitsideale, Überforderung und Geld. Sie beschäftigt sich mit allen Themen, die für Eltern und Familien wichtig sind – und bei denen ebendiese Eltern und Familien so rigoros übergangen werden. Wo bleiben die politischen Lösungen für Mütter, wo bleibt die Hilfe, die Aufmerksamkeit? Das ist Infotainment at its best: Mareice Kaiser beherrscht die große Kunst der Essays, die im Beispielhaften das Überpersönliche finden, sodass ihre Erzählungen, die stets eingebettet sind in ausführliche Recherche und belegbare Zahlen, gesellschaftliche Relevanz bekommen. Was sie da schreibt, das geht uns alle an.

„In einer Zeit, in der Mütter froh sind, wenn sie zwischen Lohn- und Care-Arbeit überhaupt noch Zeit finden, die grundlegenden Beziehungen zu Freund*innen und zu sich selbst zu pflegen, ist der Gedanke an kulturelle Teilhabe und Mitgestaltung weit entfernt – geschweige denn sind die Ressourcen vorhanden, sich öffentlichkeitswirksam über die gesellschaftlichen Bedingungen aufzuregen.“

Es ist also mehr als lächerlich, zu denken, Frauen und Mütter hätten keine Zeit zum Lesen (zumal in Wahrheit vielmehr der Inhalt ausschlaggebend ist, denn die Verlagswelt möchte ja sehr gerne, dass sie all die kleinen netten Unterhaltungsromane kaufen), es ist jedoch wahr, dass Frauen und Mütter keine Zeit haben, sich aufzulehnen gegen die Last, die auf ihnen abgeladen wird. Und trotzdem machen Bücher wie dieses mehr als deutlich: Sie werden es tun, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Frauen werden sich weigern, das Spiel länger mitzuspielen – oder sie werden schlicht keine Kinder mehr bekommen. Wer sich also informieren möchte über Mutterschaft und Krisen jeglicher Art, sollte zu diesem Buch greifen – und dann gemeinsam mit uns allen laut werden.

Das Unwohlsein der modernen Mutter von Mareice Kaiser ist erschienen bei Rowohlt.

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