Bücherwurmloch

Emilie Pine: Botschaften an mich selbst

„Die Kunst guten Schreibens besteht bekanntermaßen darin, sein Blut auf die Seiten zu vergießen“
So oft wird uns vermittelt: Ach, was haben die Frauen schon zu sagen. Das wird nicht unbedingt offen ausgesprochen, aber die Tatsachen stehen für sich – die männerlastigen Verlagsprogramme, das Ungleichgewicht in der Sichtbarkeit, der verzerrte Filter des Feuilletons. Und dann schreibt Emilie Pine ein Buch mit sechs zutiefst persönlichen, sehr weiblichen Essays – und landet einen Bestseller. Oh, die ÜBERRASCHUNG! Vielleicht haben die Frauen ja doch sehr viel zu sagen? Und: Vielleicht wollen sehr viele Menschen es hören? Aber Zynismus beiseite, dieses Buch ist anders, als ich es erwartet habe. Das liebliche Cover lässt nicht an die Gewalt und den Missbrauch denken, an Vergewaltigung, Anorexie und Selbsthass, von denen Emilie Pines Geschichten – und somit ihr Leben – durchwirkt sind. In bester essayistischer Tradition reichen diese Erzählungen über sich selbst hinaus und bekommen allgemeine Gültigkeit. Bekommen gesellschaftliche Relevanz. Bekommen Zustimmung von jeder weiblichen Lesenden. Denn so wie Emilie haben wir uns zumindest in einzelnen Situationen alle bereits gefühlt.

Intim sind die Geschichten, schonungslos ehrlich, ein Sezieren des eigenen Inneren. Emilie Pine schreibt über ihre Kinderlosigkeit und ihre Jugend, über den Alkoholismus ihres Vaters und die Menstruation. Es geht um Sex und Scham, um die Beziehung zum eigenen Körper und um Burn-out. Letztlich ist dieses Buch ein einziger lauter Aufschrei, ein Auflehnen gegen das System, das Patriarchat – indem es aufzeigt, wie es sich auswirkt auf diese eine Frau und dadurch auf jede Frau. Ein subjektives Buch, ja, doch mit einer Botschaft, die für uns alle wichtig ist: die Befreiung des weiblichen Körpers. Die Enttabuisierung von Menstruationsblut, Fehlgeburten und Menopause. Das sind Themen, die uns beschäftigen, die uns bewegen – und die deshalb ihren Platz in der Literatur brauchen. Hut ab vor Emilie Pine, dass sie sich getraut hat, sich auszuziehen bis auf die Knochen, im Dienst von uns allen.

Botschaften an mich selbst von Emilie Pine ist erschienen bei btb.

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