Bücherwurmloch

Eva Ladipo: Räuber

„Für Leute wie uns wird es nämlich nicht mehr gut, sondern immer nur schlechter. Von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr wird alles immer nur schlechter“
Als sie in den Sozialbau gezogen sind, war das schon schlimm genug für Ollis Mutter. Aus jedem Viertel wurden sie davor vertrieben, von der Gentrifizierung und den steigenden Mieten. Aber in der kleinen Sozialwohnung wären sie sicher, das hat Ollis Vater versprochen. Der ist mittlerweile verstorben, und die Siedlung mit den vermeintlich sicheren Wohnungen wurde verkauft. Das bedeutet: Sie wird saniert, sie wird repariert, sie wird aufgehübscht – um Leute anzuziehen, die das nötige Kleingeld mitbringen und die neuen Besitzer noch reicher machen. Die Immobilienhaie, die in Berlin auf diese Weise agieren, hatte die Journalistin Amelie schon einmal im Visier, allen voran den ehemaligen Politiker Falk Hagen. Doch aus der Geschichte damals, für die sie Olli interviewt hat, ist nichts geworden. Stattdessen kümmert sie sich Tag und Nacht um ihre Kinder: ein fast dreijähriges Mädchen und ein neugeborenes Baby. Ihr Mann Stephan ist Chefredakteur und arbeitet sich den Arsch ab, um seine Zeitung zu retten. Trotzdem hat er noch die Zeit gefunden, nebenbei Amelie zu betrügen und eine Affäre anzufangen.

Die Journalistin Eva Ladipo hat einen gut lesbaren, flotten Roman geschrieben über ein brandheißes Thema, das viel zu wenig Beachtung findet: die Skrupellosigkeit von Investoren, die Geldmacherei auf dem Rücken der Armen, die schwindelerregend hohen Miet- und Kaufpreise von Stadtwohnungen, Milieu und Klassismus. Dass die Menschen, die vor der Gentrifizierung in den Vierteln gewohnt haben, ihre gesamte Lebensgrundlage verlieren, ist allen egal – den Medien genauso wie der Politik. Es geht um Gier und Ignoranz in diesem Buch, um die vielzitierte Immobilienblase, um eine erschreckende Entwicklung, die uns viel mehr beschäftigen sollte, als sie es tut. Zwar ist es mit über 500 Seiten ein entsprechend wuchtiges Werk, es liest sich aber ausgesprochen flüssig. Sehr gefeiert habe ich, dass Protagonistin Amelie Mutter ist – mit all den Herausforderungen, die es mit sich bringt, es mit einem Mann wie Falk Hagen aufzunehmen, während man ein Baby hat, das gestillt werden muss. Endlich darf auch mal eine Frau erzählen, die sich nicht mit voller Kraft allen Ungerechtigkeiten widmen kann, weil sie nicht unabhängig ist. Die Autorin, die selbst Politische Wissenschaften studiert hat, hat ausgezeichnet recherchiert und präsentiert einen Roman, der uns die eigene Machtlosigkeit spüren lässt.

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