Bücherwurmloch

Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts

„Doch wir von draußen werden nie drinnen sein, und so lässt man uns nie wirklich teilhaben“
Elisabetta ist fünfzig Jahre alt und unterrichtet Mathematik in Nisidia, das ist ein Jugendgefängnis bei Neapel. Über eine kleine Brücke ist es mit dem Festland verbunden, man kann von hier aus Capri sehen. Es wäre sehr schön hier, eigentlich. Elisabettas Mann ist sehr plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben, seither sind die Jugendlichen ihr gesamter Lebensinhalt.

„Ein von zahllosen Spuren gefurchter Stein, eine Falte für jeden Schüler, jede gehobene oder gesenkte Schranke, jede geöffnete oder geschlossene Sicherheitstür, jede Schlägerei, jede Zelle, dreißig dort drinnen verbrachte Jahre: Ganz Nisidia stand ihr ins Gesicht geschrieben.“

Dann taucht ein Mädchen auf, geflüchtet aus Rumänien, vergewaltigt und geschlagen vom Vater, ins Gefängnis gesperrt wegen eines Handydiebstahls, und diesmal ist alles anders. Manchmal passiert das, sagt Elisabetta, manchmal ist die Beziehung zu einem der Kinder enger. Und das tut weh, denn obwohl Elisabetta nicht zu den Insassen gehört, ist sie diejenige, die bleiben wird, wenn die jugendlichen Straftäter:innen ihre Haftstrafe verbüßt haben und entlassen werden.

„Ihr, die ihr urteilt, seid bereit, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben, doch andere Arten unverhoffter Liebe machen euch misstrauisch.“

Valeria Parrella erzählt von einer ungewöhnlichen Verbindung, die an einem Ort entsteht, wo man sie nicht vermutet. Sie erzählt von Italien, von einem System, das Kinder einsperrt und ihnen die Hilfe verweigert, die sie benötigen. Von Jugendlichen, die so viel Scheiße erlebt haben, dass völlig klar ist: Die haben keine Chance auf ein „normales“ Leben. Die mit mehreren Preisen bedachte italienische Autorin, die selbst in einer Strafanstalt unterrichtet hat, findet kraftvolle und poetische Worte für diese Geschichte, die gerade mal 136 Seiten hat und trotzdem sehr eindringlich ist.

„Die Erinnerungen bleiben immer dort, wo wir sie zurückgelassen haben: Wir stehen auf und gehen, von den Müttern zu Tisch gerufen, und die Erinnerungen bleiben auf den Stufen liegen.“

Ich finde das Setting spannend und die Geschichte berührend. Dass Parrella auf derart wenigen Seiten so klare Gesellschaftskritik untergebracht hat, ist beachtlich. Allerdings hätte ich mir mehr Wow-Sätze gewünscht, auch habe ich nicht so richtig Zugang zu Elisabetta gefunden, habe sie als sperrig und rätselhaft empfunden, manche Passagen ein wenig wirr.

Versprechen kann ich nichts von Valeria Parrella ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

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