Bücherwurmloch

Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

„Egal, wo du bist. Egal, welcher gesellschaftlichen Schicht du angehörst. Egal, welchen Beruf du hast. Es ist gefährlich, eine Frau zu sein“
Als Amir ihr auf einer Party ins Gesicht schlägt, beendet die Protagonistin die Beziehung und flüchtet. Sie nimmt einen Job als Beobachterin am Gericht in Acre an, so weit wie möglich von Sao Paolo entfernt. Denn sie weiß, dass eine solche Ohrfeige der Beginn ist: Sie arbeitet als Anwältin im Bereich Femizide. Ihre eigene Mutter wurde von ihrem Ehemann ermordet, als die Protagonistin vier Jahre alt war. Zu lesen, was Frauen geschehen ist, wie sie getötet wurden, ist ihr Job. Sie hat alles, wirklich alles schon einmal gehört – und sie erlebt jeden Tag, wie die Täter freikommen. Das gilt vor allem dann, wenn es sich bei den Ermordeten um indigene Frauen handelt.

„Der Sport des Frauenmordes funktioniert wie ein Videospiel, bei dem ein Level auf das andere folgt. Nachdem sie ihre Frau verprügelt haben, wenn der Rausch vorüber und der Schaden angerichtet ist, verbringen die Mörder eine geraume Zeit damit, ihre Partnerinnen davon zu überzeugen, dass sie jene anbetungswürdige Wesen ihres ersten Rendezvous seien. Das leitet die darauffolgende Phase ein, in der die Prügel sich in Folter verwandeln, bei der Fisch- und sonstige Messer, Elektrokabel, Stiefel, Sägen, Feuerzeuge und andere Gegenstände zum Einsatz kommen, die dazu geeignet sind, auf das Opfer einzustechen, ihm Schnitte und Brüche zuzufügen oder es zu verbrennen.“

Patrícia Melo hat ein Buch geschrieben, das einen anzündet, wenn man es liest. Ich habe es inhaliert, immer wieder eine Pause gebraucht wegen der grausigen Details und trotzdem bei jeder Gelegenheit danach gegriffen. Es ist fiktiv und dennoch wahr. Es erzählt von Gewalt gegen Frauen, von Ungerechtigkeit, Sexismus und rape culture. Es erzählt, wie Mörder ihrer Verurteilung entgehen, weil sie weiß sind und reich. Wie die Wut in den Frauen wächst und sie dennoch machtlos sind. Es hat mich vor Zorn zittern lassen, es hat mir Tränen in die Augen getrieben, es hat mich resigniert und deprimiert zurückgelassen. Dieser Roman ist der helle Wahnsinn. Er ist mehr als eine Geschichte: ein Augenzeugenbericht, eine Anklage, eine Wutschrift, ein literarischer Aufschrei.

„Es hört nie auf. Es ist, als ob man den Fußboden bei aufgedrehtem Wasserhahn aufwischt.“

Gestapelte Frauen von Patrícia Melo ist erschienen im Unionsverlag.

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