Bücherwurmloch

Kaśka Bryla: Roter Affe

„Ich vergesse, dass es uns in Wirklichkeit nicht gibt“
Mania und Tomek sind Freunde aus Kindertagen, beide stammen aus Polen. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Psychologin mit Gefängnisinsassen, während er in Wien zuhause ist. Als Mania von Zahit, einem Geflüchteten, der bei Tomek Unterschlupf gefunden hat, erfährt, dass Tomek verschwunden ist, verlässt sie Berlin und ihr gesamtes Leben, um ihn zu suchen. Gemeinsam mit Ruth, zu der sie eine unergründliche Beziehung hat, Zahit, der keine Aufenthaltserlaubnis hat und wegen Dealens gesucht wird, sowie Hündin Sue macht Mania sich auf den Weg nach Warschau. Dort haben sie Tomeks Handy geortet. Dorthin ist er angeblich mit seiner Freundin Marina gefahren – um ein Versprechen einzulösen, das er ihr gegeben hat.

„Die Dinge, die geschehen sind, sind geschehen, und wir tragen sie in unseren Körpern und Köpfen.“

Ich habe Kaśka Brylas Debütroman an einem verregneten, herbstlichen Sonntagnachmittag verschlungen. Es hat gut gepasst und meine Stimmung getroffen, dieses Flirrende, Melancholische, Geheimnisvolle. Ich war sofort gefangen von dieser ungewöhnlichen Geschichte, von diesem seltsamen Roadtrip. Ein paar kauzige, angeknackste Gestalten, ein Hund, überraschende Notizen – aus diesen Zutaten hat die Autorin, die Kurse in Kreativem Schreiben in Gefängnissen gibt, einen gut lesbaren Roman gewoben, der in meinen Augen viel leichter ist, als das düstere Cover vermuten lässt. Er ist spritzig, schnell, unverblümt, mit schrägen Auswüchsen, die aber gut in die Handlung passen. Roter Affe entspricht dem Profil jener Bücher, die eine unterhaltsame Geschichte enthalten und dabei auf literarischem Niveau agieren. Es sieht eher finster, schwer und kompliziert aus, lasst euch davon nicht abschrecken. Der mitreißende, fast schon brüske Ton macht aus dieser Road Novel ein überraschendes Leseerlebnis, und am Ende zeigt sich, dass es eine runde Sache ist. Ich hatte keinerlei Erwartungen und war letztlich erstaunt, wie gern ich es gelesen habe. Nice one!

„Was ist Glück anderes als Momente, die durch ihre Begrenztheit bestimmt sind?“

Roter Affe von Kaśka Bryla ist erschienen im Residenz Verlag.

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