Bücherwurmloch

Karosh Taha: Im Bauch der Königin

„Niemand kennt mich hier, hier kann ich alles sein“
Raffiq und Younes sind Freunde, seit sie sich geprügelt haben. Heute schlägt sich niemand mehr mit Younes, er ist groß und kräftig, er gibt den Ton an – er ist wachsam. Weil über seine Mutter geredet wird und er als ihr Sohn mit hineingezogen wird in das Gerede. Auch Raffiq ist fasziniert von Shahira, sie ist schön und kurvig und hat knallrote Fingernägel, sie lädt die Männer zu sich ein, und die Männer kommen. Younes hat viele „Onkel“, nur Vater hat er keinen, der wohnt in Frankfurt, hat sich bei seinem Sohn nie mehr blicken lassen. Bald machen Raffiq und Younes Abi, und was dann? Die Möglichkeiten breiten sich in einer solchen Vielzahl vor Raffiq aus, dass er vor Ratlosigkeit erstarrt. Auch Amal steht kurz vor dem Abitur, auch sie ist mit Younes befreundet. In ihrer Geschichte hat sie ihn verprügelt, in ihrer Geschichte gehört Raffiq nicht zum Freundeskreis. Sondern zu denen, die sich lustig gemacht haben über Younes, als er jeden Tag vor der Siedlung saß und auf seinen Vater wartete, die sich das Maul zerreißen über seine Mutter, die Younes kein eigenes, von ihr unabhängiges Leben zugestehen. Amal möchte weg aus der Siedlung, weg von den verurteilenden Blicken, weg von dem Stempel, den sie trägt, seit sie – ein Mädchen! – stärker war als ein Junge. Auch vor ihr breiten sich die Möglichkeiten aus, doch im Gegensatz zu Raffiq weiß Amal genau, was sie will.

Wie viele Seiten hat die Wahrheit? Mindestens zwei, in den meisten Fällen sogar mehr. Das hat Karosh Taha, die bereits mit ihrem großartigen Roman Beschreibung einer Krabbenwanderung beeindruckt hat, sich zunutze gemacht: Sie erzählt zwei Wahrheiten, die nicht gleichzeitig stimmen können. Zwei Geschichten, die miteinander verbunden sind, die von denselben Figuren handeln, aber nicht den gleichen Inhalt haben. Ihr Roman ist ein Wendebuch, das man von vorne und von hinten jeweils bis zur Mitte lesen kann – auf der einen Seite spricht Amal, auf der anderen Raffiq. Doch ihre Perspektiven sind nicht zwei Blickweisen auf dasselbe, Karosh Tahas Herangehensweise ist raffinierter und vielschichtiger. Wie nimmt die kurdische Gemeinschaft ein Mädchen wahr, wie einen Jungen? Wie geht sie mit einer selbstbestimmten, unverheirateten Frau um? Welche Zukunftsaussichten haben kurdische Jugendliche, die in Deutschland geboren sind, die besser Deutsch sprechen als Kurdisch, im Gegensatz zu ihren Eltern, die vielleicht doch wieder zurück möchten in die alte Heimat? Karosh Taha hat ein feines Gespür für innere Zerrissenheit, für zwischenmenschliche Beziehungen, für die Nuancen von Gefühlen. Sie erzählt von Integration und Kulturunterschieden, vom Jungsein und Genderstereotypen, vom Abnabeln und der Suche nach dem einen Ort, an dem man Wurzeln schlagen kann. Im Bauch der Königin ist ein sehr besonderer, kluger, moderner Familienroman, eines jener Bücher, von denen wir mehr brauchen. Weil sie etwas zu sagen haben.

Im Bauch der Königin von Karosh Taha ist erschienen bei Dumont.

4 Comments

  1. Hallo,

    sehr interessant, schöne Rezension! Mir gefällt die Idee, zwei Versionen der Wahrheit darzustellen, ohne einfach nur das gleiche Geschehen aus zwei Blickwinkeln zu betrachten.

    Im Moment warte ich noch auf die Krabbenwanderung, das habe ich mir in der Bibliothek vormerken lassen – aber „Im Bauch der Königin“ steht auch schon auf der Merkliste.

    LG,
    Mikka

    Reply

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.