Bücherwurmloch

Donna Tartt: The Goldfinch

„One foot after the other. There is no other way to get through this“
„Things would have turned out better if she had lived“, heißt es im ersten Kapitel von Donna Tartts vielgelobtem und mit dem Pulitzer Preis 2014 ausgezeichneten Roman, und wahrscheinlich stimmt das auch. Theo ist ein Kind, als seine Mutter ums Leben kommt, er war mit ihr unterwegs, er wurde selbst verletzt, und dann ist er allein, denn der Vater hat sich schon davor aus dem Staub gemacht. Theo kommt zuerst bei einem Schulfreund unter, und von da an, man muss es so sagen, geht es steil bergab: Früh macht er Erfahrungen mit Alkohol und Drogen, er vernachlässigt seine Schulbildung, ist orientierungslos und tief verwundet. Der Schritt zu kriminellen Machenschaften ist nicht weit, Theo wird ein charmanter junger Mann, der vielleicht nicht unbedingt ein Fiesling ist, der nur nicht gelernt hat, ehrlich zu sein. Er hat die falschen Menschen kennengelernt, und etwas, das er beim Tod seiner Mutter getan hat, verfolgt ihn viele Jahre lang – bis zum fulminanten Showdown in Amsterdam.

Was für ein Mammutprojekt: es zu schreiben, aber auch, es zu lesen. Sehr lange hab ich mich vor The Goldfinch gedrückt, obwohl ich Die geheime Geschichte damals sehr mochte. Es war mir schlicht zu dick, die schiere Menge an Seiten hat mich abgeschreckt. Dann hab ich auf Instagram die Aktion #derdickedistelfink ausgerufen und gefragt, wer mitlesen möchte, und siehe da: Einige Leute haben den Distelfink ebenfalls aus dem Regal befreit und sich in die Geschichte gestürzt. Die ist wild und traurig und stellenweise arg zäh, man hat schon zu kämpfen mit diesem Buch. Donna Tartt schafft es aber doch, einen bei der Stange zu halten, indem sie jedes Mal gerade rechtzeitig eine Wendung präsentiert, die das Interesse neu weckt. Ja, sie schweift ab. Ja, sie arbeitet manches über Seiten aus, das auch in zwei Sätzen gesagt werden könnte. Aber trotzdem ist da etwas: ein ganz feiner, melodischer Stil. Ein unsagbar tragischer Plot. Ein Protagonist, der einem ans Herz wächst. Ich habe also durchgehalten und es nicht bereut, ich hab tatsächlich mit Theo gelitten, gelacht, geweint, der Roman hat mich erreicht. Ich weiß, er ist wirklich dick. Und anstrengend. Aber ich möchte ihn euch trotzdem empfehlen.

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