Bücherwurmloch

Maria Luiselli: Archiv der verlorenen Kinder

„Hören ist eine Art Berührung aus der Ferne“
Und das ist ein sehr passendes Motto, denn die Eltern in diesem Buch – Mann und Frau, die zwei Kinder haben, keines davon jedoch gemeinsam – sind ein Dokumentar und eine Dokumentaristin. Sie haben sich bei einem Projekt in New York kennengelernt, als sie durch die Stadt zogen und fremde Sprachen sowie Geräusche aufzeichneten. Sie haben sich verliebt und geheiratet, der Mann hat einen Jungen mit in die Familie gebracht, die Frau ein fünf Jahre jüngeres Mädchen. Sie haben sich zusammengerauft, sich ein Leben aufgebaut. Nun hat der Mann beschlossen, dass er über die Apachen forschen und dort hinfahren will, wo sie gelebt haben – Tausende Kilometer weit weg. Die Frau willigt ein, die Reise gemeinsam zu wagen, doch ihr ist bereits von Anfang an klar, dass dies wohl das Letzte sein wird, was sie zu viert tun.

„In einer Ehe großzügig zu sein, wirklich und dauerhaft großzügig, ist nicht einfach.“

Dies ist mehr eine Aufbereitung von Informationen als ein Roman. Das Buch enthält unglaublich viel Wissen, Hinweise auf andere Bücher, auf Hörbücher und Lieder, auf Kulturgüter jeder Art, die auch – in Form von Schachtelinhalten – akribisch aufgezählt werden, zudem sind Fotos enthalten. Es geht um das Reisen an sich, um das Bewahren von Geschichten und Erinnerungen, um Sprache und Übersetzung, es geht aber auch um das Verlieren. In erster Linie natürlich, wie der Titel sagt, das Verlieren von Kindern, die aus den USA zurück nach Mexiko deportiert werden. Und um einen Verlust, der mir erst nach und nach dämmert: Wenn Eltern sich trennen, bleiben die Geschwister üblicherweise bei einem Elternteil oder wechseln. Wenn jedoch Eltern sich trennen, deren Kinder keine Geschwister sind, verlieren diese auch einander. Das ist, was an diesem Buch schmerzt. Aber nicht nur, denn es kategorisiert und archiviert menschlichen Schmerz – der viele Facetten kennt.

Ich habe Archiv der verlorenen Kinder sehr gemocht (und ewig dafür gebraucht, weil es so dermaßen informativ und voller Text ist), Valeria Luiselli ist ihrem Hang zu schrägen, besonderen Geschichten treu geblieben. Der erste Teil war mir wesentlich zu lang, der Perspektivenwechsel, der mein Interesse neu entfacht hat, kommt erst auf Seite 219. Dies ist ein intensives, herausforderndes Buch, dem man sich ausliefern muss, um es wirklich goutieren zu können. Es erzählt von denen, die verloren gingen, und denen, die versuchen, zu bewahren.

Lieblingszitat:

„Unglück wächst langsam. Es schlummert in dir, stumm, verstohlen. Du nährst es, fütterst es jeden Tag mit Brocken deiner selbst – es ist der im Hinterhof angekettete Hund, der dir in die Hand beißt, wenn du ihn lässt. Unglück nimmt sich Zeit, aber irgendwann überwältigt es dich total.“

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli ist erschienen bei Kunstmann (ISBN 978-3-95614-314-4, 432 Seiten, 25 Euro)

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