Bücherwurmloch

Karina Sainz Borgo: Nacht in Caracas

„Das Leben war das, was vorüber war“
Als Adelaidas Mutter stirbt, ist es für sie ein herber Verlust, für ihr Land jedoch nur eine weitere Tote, von denen es mittlerweile so viele gibt, dass kaum noch freie Gräber vorhanden sind.

„Meine Mutter und ich, wir glichen nur uns selbst. Durch meine Adern floss Blut, das mir niemals zu entkommen helfen würde. In diesem Land, in dem alle von jemandem abstammten, hatten wir niemanden. Dieses Land war unsere einzige Biographie.“

Die Rede ist von Venezuela. An der Karibikküste Südamerikas gelegen, hat es 1999 durch die Bolivarische Revolution eine Umwälzung sondergleichen erlebt: Venezuela ist ins Chaos gestürzt, die Bevölkerung wurde systematisch ausgehungert, gefoltert, geplündert. Es gibt dort kein funktionierendes finanzielles System mehr, es gibt kein Essen, keine Sicherheit. Die Menschen sind am Ende, und das ist nicht so dahergesagt, nein, das ist bitterer Ernst. Und davon erzählt Karina Sainz Borgo in Nacht in Caracas.

„Jetzt läuft alles aus dem Ruder: Dreck, Angst, Schießpulver, Tod und Hunger. Als du im Sterben lagst, ist das Land verrückt geworden. Um zu leben, mussten wir Dinge tun, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen, dass wir sie tun könnten: plündern oder schweigen, dem anderen an die Kehle gehen oder wegsehen.“

Die Autorin, die selbst aus Venezuela geflohen ist und in Spanien lebt, lässt ihre Sprache von der Wut leben. Rau ist das und ungezähmt, wild und böse und zornig. Dieses Buch muss man ertragen können, ich konnte es nur in Etappen lesen. Es bildet eine Wirklichkeit ab, die so grausam ist, dass man ihr nichts hinzudichten muss, um einen Roman zu erhalten, der aufwühlt und erschüttert. Deshalb ist das ein Werk, über das man sprechen muss, denn wo ist das Bewusstsein für Venezuela? Wo ist das Wissen über die entsetzliche Lage seiner Bewohner?

„In einem mestizischen, seltsamen Land. Herrlich in seinen Psychopathien. Großzügig in Schönheit und Gewalt, über die man hier besonders verschwenderisch verfügte.“

Atemlosigkeit und Panik tragen dieses Buch, aber auch eine tiefe Resignation: Seit zwanzig Jahren wird es in Venezuela schlimmer und schlimmer. Die Aussichten für die Zukunft sind schwarz, niemand schreitet ein, und während dies ein zutiefst politischer Roman ist, ist er auch erfüllt von Emotionalität. Aber nicht von Liebe. Nicht von Zuversicht und Zuneigung. Da ist nur noch Hilflosigkeit. Angst. Und der Wille, andere zu opfern, um selbst zu überleben. Nacht in Caracas ist ein schmerzhaftes, trauriges Buch, ein 220 Seiten langer Hilfeschrei.

„Mein Mund wie ein Revolver, heiß und geladen, der jemanden suchte, auf den er abfeuern konnte.“

Nacht in Caracas von Karina Sainz Borgo ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397461-4, 224 Seiten, 21 Euro).

 

 

 

 

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