Bücherwurmloch

Marjaleena Lembcke: Wir bleiben nicht lange

„Wenn sie nicht die richtigen Worte fand, verlor sie den Boden unter den Füßen“

„Und was ist, wenn mich die Bilder erst überfallen, sobald ich im Sarg liege und die Erde schwer auf den Deckel fällt? Wenn ich mich plötzlich erinnere, wenn ich noch gar nicht tot bin?“

Das fragt Sisko ihre Schwester Mirja. In einer Klinik in London, wo Sisko seit Jahren wohnt, liegt sie im Sterben. Mirja, die in Deutschland lebt, kommt sie besuchen, beide stammen aus Finnland. Es ist klar, dass dies ein letzter Besuch sein wird, ein Abschied. Und wie geht man damit um? Wie vertreibt man sich diese kurze Zeit, die noch bleibt? Müssen es tragende, bleibende Worte sein, die man spricht, braucht es große Gesten?

„Ich kann meine Gedanken nicht mehr steuern. Die Erinnerungen kommen, wie sie kommen, wie Träume. Ich habe keinen Einfluss auf sie und auch keine Kraft, sie zu beeinflussen. Ich versuche nur, die Angst zu bekämpfen.“

Denn da sind noch Tage. Und Nächte. Und Stunden, in denen man nichts tut als zu warten. Weil es ganz einfach nichts mehr zu tun gibt. Mirja geht einkaufen für Sisko. Sie trinken. Sie rauchen. Sie unterhalten sich über Alltägliches, Banales. Wie stirbt man in Würde vor sich hin? Es scheint unmöglich. Alles vermischt sich, das Abschiednehmen, das Aufbäumen, das Nicht-gehen-Wollen, das Resignieren. Und wenn der Tod dann kommt, ist es so erschreckend bedeutungslos, trotz allen Wartens ist er unterwartet, eine Erlösung, aber auch ein großer Schmerz.

Bei einem Buch über das Sterben heißt es natürlich sofort: Tabu! Das hat Marjaleena Lembcke, die selbst in Finnland geboren ist, aber auf Deutsch schreibt, souverän und völlig nonchalant gebrochen. Ohne Pathos ist dieses Buch, dafür mit einer sehr normalen Stimmung. Und das ist erstaunlich, es macht diesen Roman so gut: dass er nicht um Aufmerksamkeit bittet für den Tod, sondern das Sterben einfach erzählt. Wie man vom Pferdereiten erzählt oder vom Tanzen, vom Essen, vom Lesen, vom Leben. Es ist simpel, es ist unaufgeregt, so sehr, dass es gerade dadurch wehtut.

„Sie hatte einmal gesagt, Schwarz sei ihre Tarnfarbe. Sisko glaubte nicht an Tarnfarben. Sie hatte schon alle Farben getragen und sich in keiner geschützt gefühlt.“

Wir bleiben nicht lange von Marjaleena Lembcke ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3312006885, 192 Seiten, 19,90 Euro).

 

2 Comments

  1. Hallo!
    Vielen Dank für diese schöne Besprechung zu einem so außergewöhnlichen Buch! Bisher kam mir der Titel noch nicht unter, aber nun möchte ichj ihn mir auf jeden Fall selbst einmal näher anschauen in den dunkleren Monaten des Jahres.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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