Bücherwurmloch

Svealena Kutschke: Stadt aus Rauch

„Liebe, denkst du, ist nichts anderes als eine Vorgeschichte für die ganz große Scheiße, in der man unwiderruflich landet“
Es geht um Frauen in diesem Buch, um den Teufel und die Liebe, um den Krieg, um Drogen, um fehlende Muttergefühle und den Verrat der Männer. Es geht um alles eigentlich, und das ist gut. So gut ist es, dass mir manchmal der Atem stockt. Dass ich Sätze einmal, zweimal, dreimal lese, weil ich sie genießen muss, wieder und wieder, diesen feinen unerwarteten Dreh, den sie haben, diese spielerische Leichtigkeit, es ist wie Seiltanzen mit Sprache.

„Im Frühjahr 1918 lernte Lucie ein neues Schweigen kennen, krank und von giftiger Farbe. Sie war an die Stille gewöhnt, eine Stille der Vertrautheit und der Geborgenheit. Aber dieses neue Schweigen machte die Luft brüchig. Manchmal war es so tief und kalt, dass Lucie fürchtete, sich mit dem nächsten Atemzug Splitter in die Lungen zu saugen.“

Ich lese dieses Buch, obwohl es dick ist. Ich lese es, obwohl es manchmal wirr ist und nicht zu verstehen, obwohl ich lange dafür brauche, weil ich es so aufmerksam und sorgfältig und ganz und gar begeistert aufnehme. Svealena Kutschke erzählt von Lübeck als Stadt, als Kulisse, als schlagendes Herz, sie erzählt von Generationen, die verwoben sind, von Frauen, die Töchter bekommen und ihnen nichts vererben als Stille, von Männern, die mehr schmückendes Beiwerk sind als treibende Kräfte.

„Jessie, die Letzte in ihrer Ahnenkette, eine wahrhafte Düvelsdeern, ein messerdünnes unerschrockenes Destillat des Zorns.“

Tief vergraben in sich selbst sind diese Frauen, Lucie, Freya und Jessie, durch die Jahrhunderte an einer unsichtbaren Schnur nebeneinander aufgereiht wie kleine Perlen, sie sind stark und fürchten weder Tod noch Teufel.

„Jessie und der Teufel lehnten nebeneinander am Brückengeländer wie alte Freunde, die sich so gut kannten, dass sie die Gegenwart des anderen kaum noch wahrnahmen. Jessie blinzelte, der Teufel nicht.“

Die Handlung, ja. Eine altbekannte Geschichte, möchte man meinen, aufgestiegen aus deutschen Akten, ein Abriss der Zeit, ein Schnelldurchlauf, wäre da nicht die Sprache. Sie lässt die Handlung vergessen, lässt nichts vermissen, weder Antworten noch Prämissen. Und dann macht dieser Roman aus mir eine Verliebte. Ich denke an ihn. Ich sehne mich danach. Ich sinniere, wann ich werde weiterlesen können, vielleicht träume ich sogar von ihm. Das geschieht sehr selten, beinahe nie, was, bei der Menge Bücher, die ich im Jahr verschlinge, traurig ist. Und nie sage ich, niemals, dass ich wünsche, ein Roman wäre nicht zu Ende, sondern noch weitergegangen, denn normalerweise freue ich mich auf den nächsten, bin rastlos, nicht zu befriedigen, aber von Stadt aus Rauchhätte ich noch mehr gelesen, viel mehr, ich hab sie nicht verlassen mögen, Lucie, Freya und Jessie, auch den Teufel nicht, ihn vielleicht am wenigsten.

„Der Teufel hat zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder eine Sehnsucht.“

Lest dieses Buch.

Stadt aus Rauch von Svealena Kutschke ist erschienen bei Eichborn (ISBN 978-3-8479-0026-9, 672 Seiten, 24 Euro).

 

 

 

 

6 Comments

  1. Guten Morgen!
    Dieses Buch steht schon sehr lang in meinem Regal und lächelt mich von Zeit zu Zeit an. Nach dieser eindrücklichen und vor allem sehr schönen Besprechung rückt es wieder mehr in den Vordergrund. Danke dafür!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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  2. Guten Morgen,

    eine sehr schöne Besprechung. Ich glaube, dass ich dieses Buch auf meine Liste auf den zu lesenden Büchern setzen werde, so dass ich es mir irgendwann zu Gemüte führen werde. Es klingt sehr gut. Danke dafür.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Monika

    Reply

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