Bücherwurmloch

Peter Høeg: Durch deine Augen

„So ist diese Welt auch. Sie ist nicht nur Krieg und Gier und Ausrottung der Arten. Sie besteht auch aus Ketten von Menschen, die aufeinander aufpassen“

„Wir sahen, dass die Menschen pausenlos träumen. Oder richtiger: In den Menschen träumt es pausenlos. So muss ich es wohl formulieren. Wir sahen, dass die Träume nicht dem einzelnen Träumer gehörten. Sie waren wie eine Masse, ja, eine Masse brodelnden, hektischen, ununterbrochenen Bewusstseins, einer Aktivität, welche die Menschen durchströmt und durch die Menschen ihren Ausdruck findet.“

Es geht um Kinder in diesem Buch, die in Träume gehen können und in Bilder und in die Vergangenheit. Es geht um Erwachsene, die einen Weg gefunden haben, tief im Inneren abgespeicherte Traumata sichtbar zu machen. Um einen Mann, dessen bester Freund sich das Leben nehmen will und der eine Frau wiedertrifft, die er schon als Kind geliebt hat – die sich jedoch nicht an ihn erinnern kann.

„Ich sah etwas in ihrem Blick, das vielleicht Liebe war. Das dauerte eine Sekunde, dann war es weg.“

Ich weiß nicht, was Peter Høeg getan hat. Nichts in diesem Roman ergibt Sinn und doch alles. Hätte ich ihn nur mit dem Verstand gelesen, hätte ich ihn genervt weggelegt. Aber das Buch hat mich in einem Moment erwischt, in dem ich offen war für leise Zwischentöne, in dem ich selbst dazwischen war. Und es hat mich getroffen. Sicher hat Peter Høeg eine Art Heimvorteil bei mir, weil ich als Teenager seinen Plan von der Abschaffung des Dunkels gelesen habe – und wenige Bücher haben mir damals so viel bedeutet. Ich habe Sätze daraus abgeschrieben, die ich heute noch auswendig kann.

Peter Høeg nimmt es mit dem Möglichen nicht so genau. Auch nicht mit dem Technischen, denn was er sich da zusammengesponnen hat über das Sichtbarmachen des Inneren eines Menschen, über Hologramme und das Hineingehen in den Schmerz der anderen, ist absurd. Und trotzdem folgt man ihm überallhin, dorthin, wo es wehtut, in die Erinnerung seines Protagonisten, in die Erinnerung der Probanden, die missbraucht und verletzt worden sind, die sterben wollten oder zusehen mussten, wie andere getötet wurden. In dieser Hinsicht ist Durch deine Augen brutal. „Wir stellen Fragen. Die Menschen müssen selber antworten“, sagt Lisa, die Leiterin dieses geheimnisvollen Instituts. Sie erforscht eine Art kollektives Bewusstsein, das Vermögen, zu heilen, das Wissen, dass alles mit allem zusammenhängt.

„Wir Menschen haben keine Sprache für unser Inneres. Die äußere Welt können wir mit großem Detailreichtum beschreiben. Aber das Innere ist für uns eben unbeschreiblich.“

Was, wenn man es tatsächlich sehen könnte? Was, wenn man seinen Körper vor sich hätte, ein Gebilde aus Verbindungen, mit Zentren für Liebe und Glück, für Trauer und Verlust, was, wenn man sich lösen könnte von diesem Zustand, der einen mit so viel Kummer erfüllt? Protagonist Peter zweifelt nicht. Er nimmt alles an, was er sieht, was er erlebt – und so war er schon als Kind. Als er und Lisa und sein nun so trostlos unglücklicher Freund jeden Tag, während die anderen Mittagsschlaf hielten, Reisen unternahmen, ohne den Kindergarten zu verlassen. Als sie herausfanden, wie sie schlimme Dinge verhindern können – und trotzdem einer von ihnen über eine Grenze ging, die ihn zu weit vom Leben fortgezogen hat.

„Wir glauben nicht, dass Kinder lieben können. Wir glauben, ihre Gefühle seien flirrender, zarter, weniger körperlich verankert. Wir irren. Kinder können mit überwältigender physischer Heftigkeit lieben.“

Das alles klingt verrückt? Ja. Das ist es auch. Und schön und verträumt und originell und einzigartig und intensiv und berührend, hochgradig merkwürdig, sehr emotional, ein Buch über das Träumen, aus dem man aufwacht, ohne so recht zu wissen, was einem geschehen ist. Man hat noch Bilder in sich und Gefühle und die Gewissheit, etwas gesehen zu haben, das man niemandem jemals wird begreiflich machen können. So ist es, Durch deine Augen zu lesen.

„Vielleicht kann ein Mensch so offen sein, dass sich nichts in ihm festbeißen kann, alles geht einfach durch ihn hindurch, sogar die Angst.“

Durch deine Augen von Peter Høeg ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-26168-6, 346 Seiten, 24 Euro).

 

 

 

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