Bücherwurmloch

Karoline Menge: Warten auf Schnee

„Sterben Menschen, sterben ihre Nächsten für einen kurzen Moment mit ihnen“

„Im Dorf, zwischen seinen leeren Häusern, hängen die Tage wie weiße Laken, die man auf der Wäscheleine vergessen hat.“

Weil einfach nicht viel passiert im Dorf, weil eigentlich weniger und weniger passiert, seit die Menschen verschwinden, seit sie in der Nacht das Dorf verlassen. Pauli und Karine wissen nicht, wohin die anderen gegangen sind, auch nicht, wohin ihre Mutter gegangen ist. Sie wissen nur, dass niemand zurückkehrt. Und was können sie tun? Sie haben keine Ahnung, was hinter dem Wald liegt, was überhaupt außerhalb des Dorfs liegt, und nachzusehen, dazu fehlt ihnen der Mut. Außerdem besteht ja noch die Hoffnung, dass die Mutter sie nicht für immer im Stich gelassen hat, und dann sollten sie anwesend sein zuhause. Doch die Tage sind eintönig, Schule gibt es schon lange keine mehr, die Lebensmittel gehen zur Neige. Was wird geschehen, wenn sie zu Ende sind? Was wird passieren, wenn der Winter kommt? Pauli und Karine sammeln Holz, sie versuchen, sich vorzubereiten auf das Unausweichliche: auf den Schnee.

„Alles ist still, aber wenn man genau hinhört, machen die Flocken ein Geräusch, wenn sie auf dem Boden aufkommen. Es macht dann ganz leise Srrt, ja srrt. Und das ist das schönste Geräusch, das je ein Mensch vernommen hat, und deshalb schläft die ganze Welt besser, wenn es schneit.“

Warten auf Schnee, das Debüt von Karoline Menge, für das sie mit dem Ulla-von-Hahn-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein sehr ruhiges Buch. Es verzichtet auf jegliche Effektheischerei, es erzählt bedächtig, als habe es alle Zeit der Welt. Als Leser stellt man sich darauf ein, fährt runter, entschleunigt. Und nimmt Platz in diesem namenlosen Dorf, an diesem sich auflösenden Ort, der exemplarisch für all die ruinierten Dörfer steht, in denen niemand mehr leben will, die so viel Vergangenheit haben und keine Zukunft. Ich-Erzählerin Pauli ist fast volljährig, ihre Ziehschwester Karine, die eines Tages von der Mutter aufgenommen wurde, ohne Fragen, ohne Erklärungen, ein paar Jahre jünger.

„Karine ist mir nach sieben Jahren noch immer fremd. Ich weiß nicht, was sie denkt oder fühlt, wenn sie mich mit ihren nackten grünen Augen ansieht.“

Die Beziehung zwischen den beiden ist erst durch die Not eng geworden, davor waren sie verfeindet. Damals, als es noch andere Kinder gab im Dorf, darunter Powel, den Jungen mit dem verschobenen Gesicht, den Pauli vielleicht geliebt und ganz sicher geküsst hat. Doch das spielt alles keine Rolle mehr, seit nur noch das Warten auf den Schnee zählt, ein Warten, dessen Ziel, der Winter, alles noch schwieriger machen wird, womöglich sogar beenden wird. Mit zarten, behutsamen Worten entspinnt Karoline Menge, die in Hildesheim studiert hat, eine intensive Geschichte von Leere und Verlust, ein Psychogramm der Einsamkeit, eine Analyse des Aufgebens. Ein schönes, leises und in seiner Stille umso eindringlicheres Buch.

Warten auf Schnee von Karoline Menge ist erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002589, 200 Seiten, 20 Euro).

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