Bücherwurmloch

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Ich glaube ich sage einfach nur die Wahrheit“

„Es gefällt mir wie du redest.
Na, das ist eine Erleichterung, denn ändern werd ich mich sicher nicht.
Ich muss sagen du kommst mir auch nicht vor wie die Sorte Mädchen die sich ändert.“

Mary ist ein eigenwilliges Mädchen, das sich nicht zurückhält. Und dabei wäre Zurückhaltung gefragt in ihrer Zeit, in ihrem Land und ihrer Stellung, sie ist eine einfache Bauerstochter ohne Bildung. Von den Eltern und den Schwestern geächtet, weil sie ein Bein nachzieht, schuftet Mary Tag und Nacht auf dem Hof – bis der Vater beschließt, dass sie ins Dorf in den Pfarrhof ziehen soll, um der kranken Gattin des Pfarrers zu helfen. Das tut Mary äußerst widerwillig, doch die Kranke schenkt ihr Aufmerksamkeit und liebe Worte – etwas, das das Mädchen nicht kennt. Und noch etwas lernt Mary im Pfarrhaus: lesen und schreiben. Deshalb ist es ihr möglich, ihre Geschichte zu erzählen. Deshalb kann sie berichten von all dem, was dann noch geschehen ist.

Und dieser Bericht klingt, wie er klingen müsste, hätte Mary ihn tatsächlich geschrieben: simpel, fast ohne Satzzeichen, sprachlich karg, sehr authentisch. Auf den ersten zwei Seiten ist das gewöhnungsbedürftig, dann ist man drin in Marys sehr mündlicher Erzählung, dann hat man das Gefühl, neben ihr zu sitzen und ihr wirklich zuzuhören. Das hat Nell Leyshon wirklich glänzend geschafft, sich hineinzuversetzen in diese Fünfzehnjährige mit dem einfachen Gemüt und dem dennoch gewitzten Verstand, in dieses Mädchen, mit dem umgesprungen wird, als habe es keinen eigenen Willen – und das letztlich, darin liegt der Akt der Rebellion, darin liegt der Höhepunkt des Buchs, aufbegehrt. Dass Mary den Befreiungsschlag wagt, den man ihr als Leser wünscht, ist logisch und aus der Dramaturgie des Romans ersichtlich, es ist notwendig, es ist aber auch, wie in allen Fällen, in denen der Schwache sich gegen die Starken auflehnt, Marys Untergang.

Ich war ganz frisch auf Instagram, als dieses Buch gehyped wurde und Florian Valerius #teammary ins Leben gerufen hat. Wohl aus Trotz habe ich es erst so viel später gelesen, ich wollte meine Ruhe mit diesem Buch haben und nicht jedes Mal, wenn ich Social Media öffne, eine Meinung dazu hören. Jetzt hatte ich Mary für mich allein – und das Buch in kürzester Zeit inhaliert. Eine starke, herausragende Stimme, eine vermeintlich banale Geschichte, die so schüchtern an die Hintertür klopft und dann, kaum hat man geöffnet, mit umso mehr Präsenz eintritt, sich entfaltet, den Platz einnimmt im Kopf und im Herzen. Gutes Buch, Hype berechtigt.

Die Farbe von Milch von Nell Leyshon ist erschienen im Eisele Verlag (ISBN 978-3-96161-000-6, 208 Seiten, 18 Euro).

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