Bücherwurmloch

Lilian Loke: Auster und Klinge

„Sprache ist überbewertet, ein fehlerhaftes, schmutziges Werkzeug“

Kunst ist nicht da, um den Alltag zu dekorieren, Kunst muss ein Messer sein, das du reichst, mit der Klinge voran, die Leute greifen zu, weil es so magisch funkelt, obwohl es ihnen tief ins Fleisch schneidet. Diejenigen, die nicht loslassen und dich verfluchen, haben etwas verstanden.

Das sagt Georg. Und der muss es wissen, denn er ist Künstler. Ein Künstler, der nicht mehr malt und nicht mehr ausstellt, obwohl die Galerien und die Leute sich reißen würden um seine Bilder. Stattdessen plant Georg eine Aktion, eine irrwitzige, aufsehenerregende Aktion, und dafür braucht er die Hilfe von Viktor. Der wiederum ist kein Künstler, sondern Einbrecher. Und Koch. Und frisch aus dem Gefängnis entlassen, in dem er nach einem verpfuschten Einbruch gelandet ist. Er hat eine Frau und ein Kind, und er muss jetzt sauber werden, damit er die beiden zurückgewinnen kann. Deshalb möchte er ein Restaurant eröffnen, endlich ein eigenes Restaurant, und da kommt wiederum Georg ins Spiel: Er hat Geld. So besitzen beide das, was der andere braucht, und sie schließen einen Deal, der, man ahnt es bereits, mehr Schwierigkeiten bringt als Lösungen.

Lilian Loke, preisgewürdigt und mit vielen Stipendien bedacht, hat mit Auster und Klinge ihren zweiten Roman vorgelegt, der außerordentlich gut lesbar ist. Durchzogen mit klugen Gedanken und auf einem durchaus hohen Niveau angesiedelt, wartet dieser Unterhaltungsroman mit einer originellen Story auf. Zwei Männer als Protagonisten, sehr unterschiedlich, aber beide angetrieben von dem, was sie haben, was sie erreichen wollen – und beide bereit, dafür über Grenzen zu gehen. Wo kann dieses Setting hinführen, das Lilian Loke kreiert hat? Kann es für diese beiden Kerle, von denen der eine sich exponieren und der andere sich retten will, ein gutes Ende geben? Was so leicht und locker klingt, enthält in seinem Inneren viel Reibung, viel Tiefgang: Um Kapitalismus geht es in diesem Buch, um schmutziges Geld, um das Habenwollen, auch um Gewalt und die Wege, mit denen wir sie rechtfertigen.

Am schönsten finde ich die misanthropischen, schwarzhumorigen Einschübe, die besonders aus Evelyns – Georgs Freundin – Mund kommen:

Der Mensch glaubt, er könne die Natur überwinden, erfindet Pflanzengifte, das Unkraut wird resistent, erfindet die Moral immer wieder neu und bleibt resistent. Der Mensch ist Natur, und Natur ist hässlich.

Diese Liebe zwischen Georg und Evelyn, die seit Kindheitstagen besteht, ist ein zart gesetzter, sehr schöner Lichtblick im Buch:

Über die Jahre haben sie sich gegenseitig wieder und wieder ein Stück Herz herausgeschnitten und ins eigene eingesetzt, Herzen, zusammengeflickt wie Frankensteins Monster, manchmal schlagen sie im Takt, mal nicht.

Kunstsatire oder Gangsterkomödie: Auster und Klinge ist definitiv beides. Man kann dieses Buch mit der Absicht lesen, sich unterhalten zu lassen, und wird dennoch Gedanken begegnen, die einen aufwühlen. Die bestmögliche Kombination also. Eine Zufallsbegegnung wird Ausgangspunkt für vielschichtige Veränderungen im Leben der beiden Protagonisten, und dieser Roman hat richtig Drive, eine ganz eigene Dynamik, er steht niemals still. Das ist rasant, witzig, gut gelungen und auf jeden Fall lesenswert.

Auster und Klinge von Lilian Loke ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-70059-0, 313 Seiten, 19,95 Euro).

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