Bücherwurmloch

Gerhard Jäger: All die Nacht über uns

„Aber die Dunkelheit gibt dir alle Möglichkeiten“

Es gibt einen Punkt, so denkt er sich, an dem es gar keine andere Möglichkeit gibt, als die Menschen zu verlassen, mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat, weil diese gemeinsame Geschichte zu einem Albtraum geworden ist und nur zurückgelassen werden kann, wenn man auch die Menschen, die etwas damit zu tun haben, zurücklässt.

Was hat der Soldat zurückgelassen, er, der nachts auf diesem Wachturm steht, er, der nicht einschlafen darf, weil es da angeblich eine Bedrohung gibt, die jedoch, wenn wir ehrlich sind, keine Gefahr im eigentlichen Sinn ist. Nur Menschen sind das auf der Flucht, Menschen, die kein Zuhause mehr haben – und die aber nicht ins Land gelassen werden sollen.

Zudem haben sie einen klaren Auftrag, einen sehr klaren Auftrag: die Grenzen, das Land, die Gemeinschaft, die Werte, all das muss geschützt werden, geschützt nicht nur mit der Waffe in der Hand, sondern auch mit der Waffe im Anschlag, mit dem Finger am Abzug, der sich seit einigen Wochen ganz offiziell krümmen darf, wenn es die Gemeinschaft, die Sicherheit verlangt.

Der Soldat selbst ist sich nicht ganz sicher, was richtig ist. Freilich führt er die Befehle aus, die er erhält, aber er denkt auch darüber nach, dass da vielleicht ein Vater mit einem Kind vor dem Haus steht, jemand, der im Leben einfach mal Bäcker war oder Mechaniker, er fragt sich, wie es ihm ergehen würde da draußen, müsste er plötzlich fliehen.

Wenn irgendwo Menschen ankommen, stellen die einen Teller auf die Tische und die anderen marschieren mit Transparenten.

So eine Nacht kann lang sein, wenn man wachbleiben muss, und in der Dunkelheit hat man keinen Schutz, schon gar nicht vor den Erinnerungen. Und so wird unser Soldat, der keinen Namen hat in diesem Buch, bestürmt von ihnen, den eigenen und jenen seiner Großmutter, die sie aufgeschrieben hat für ihn, in einem Heft.

„Nicht jeder hat das Glück, dass ihm die Heimat bleibt“, steht darin, und so ist es eigentlich bittere Ironie, dass die Geschichte sich wiederholt, dass der Soldat, Nachfahre einer Vertriebenen, nun selbst Menschen vertreiben soll. Aber das ist nicht das Einzige, was ihn an seine inneren Grenzen bringt in dieser Nacht, denn ihm selbst ist die Zukunft gestorben, das Glück ist ihm davongelaufen, erfüllt ist er von einem großen Verlust und einer ebenso großen Traurigkeit.

2016 hat Gerhard Jäger mich mit seinem Roman Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod rausgerissen, das kann man nur so sagen. Ich bin ein riesiger Fan von Buch und Autor – und hab mich deshalb umso mehr gefreut, als Gerhard mich im Oktober kontaktiert hat, um mir zu berichten, dass er ein dunkelgrünes Buch gelesen hat. Ich war im Zug, unterwegs zu einer Lesung in Graz, und im Gepäck hatte ich, wie der Zufall es wollte, seinen neuen Roman. Zu dem Zeitpunkt standen wir beide auf der Longlist für den Österreichischen Buchpreis. Einer von uns kam weiter auf die Shortlist – nämlich er – und ein anderer – nämlich ich – las daraufhin dieses nominierte Buch, All die Nacht über uns. Ich saß in Graz beim Frühstück im Hotel und fing unvermittelt und beobachtet von verwunderten Gästen an zu weinen. Das ist es, was dieser Roman mit mir gemacht hat: Ich habe mitgelitten. Du gehst aber nicht gerade zimperlich mit deinem Soldaten um, habe ich Gerhard geschrieben, im Wortlaut: „Dem hast du aber ordentlich zugesetzt, deinem Soldaten, den hast du ja komplett zerlegt.“ Und er hat geantwortet: „Ist das nicht das Schicksal eines Schriftstellers? Man erfindet eine Person und tut ihr all das an, was man selber nie erleben möchte …“ Und ja, vielleicht ist das so, aber eins kann ich euch sagen: Lesen möchte man das, und ihr solltet es auch unbedingt tun. Weil das Buch klug und intensiv ist, voll mit den großen Fragen, voll mit den großen Gefühlen. Und mit wirklich klingenden Sätzen, denn die hatte er einfach drauf, der liebe Gerhard. Beweise dafür hab ich zur Genüge:

Die Zukunft ist scheu, man muss leise sein, um sie nicht zu verscheuchen, leise, sehr leise.

Es gibt Worte, die uns manchmal anfallen, unser Denken in Haft nehmen und nicht mehr freigeben. Man kann diese Worte nicht rechtzeitig erkennen, sie mischen sich in eine lange Reihe von anderen Worten, unauffällig. Ihre Bedeutung wird erst klar, wenn man sie gelesen hat, und dann ist es zu spät, dann wird man sie nicht mehr los.

Er kann sich sogar erinnern, ihr einmal von so einem Bild erzählt zu haben, dass es ihm manchmal vorkomme, als ob jeder Mensch auf einem Turm lebe und es keine Chance gäbe, wirklich nahe an einen anderen Menschen zu kommen.

Das waren diese Augenblicke, in denen sie es schaffte, ihn zu überzeugen, dass es so etwas tatsächlich geben konnte, so etwas wie Miteinander, ein wirkliches Miteinander, so etwas wie Ineinander, so etwas wie Verstehen ohne Worte, Sprechen ohne Sätze, eine Situation, in der das Wir wirklicher war als das Du und das Ich.

Wie sinnlos ist ein Gewehr, das nur Menschen töten kann, wo die Ziele doch ganz andere sein müssten: Gerüchte, Hass, flüsternde Stimmen, die alles vergiften, das wären lohnenswerte Ziele.

Viele Mails sind geflogen zwischen Gerhard und mir, er hat von seinem neuen Manuskript erzählt und wir hatten vereinbart, demnächst einen Tausch zu machen, seinen Roman gegen meinen. Er war lustig und selbstironisch, sehr wortgewandt und ungemein sympathisch. Als ich erfahren habe, dass er diese Woche überraschend gestorben ist, hat mich das tief getroffen. Ich hab ihn nur ein bisschen gekannt und nicht einmal persönlich, aber dieser kleine Einblick hat ausgereicht, um mit Überzeugung sagen zu können: Er war ein wunderbarer Mensch, und dieser Verlust ist ein großer. Nicht zuletzt für die Literatur, der seine einzigartige Stimme fehlen wird, sondern vor allem für seine Familie. Von ganzem Herzen mein Beileid. Vielen Dank, Gerhard, dass du mich teilhaben hast lassen, dass du mich zum Lachen gebracht und mir Mut gemacht hast. Ich wollte noch so viel mit dir besprechen, noch so viel von dir lesen.

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