Bücherwurmloch

Hagar Peeters: Malva

„Aber nach der Malve benannt war ich jedenfalls. So schön diese Blume ist, so hässlich war ich“

„Das Semikolon ist vom Aussterben bedroht, da heute fast niemand mehr weiß, wo er es setzen muss, und daher ist es gegenüber den anderen Satzzeichen im Nachteil, genau wie ich als Mensch gegenüber meinen Mitmenschen benachteiligt war.“

Malva erzählt aus dem Jenseits, Malva ist lange schon tot. Sie starb als kleines Mädchen, sie war bereits bei ihrer Geburt schwer krank. Und ihrem Vater ein Dorn im Auge, ihrem berühmten Vater Pablo Neruda. Als er erkannte, dass sie einen Wasserkopf hatte, dass sie missgebildet war und nicht seinen Vorstellungen entsprach, ließ er sie fallen, von einer fremden Familie betreuen, kümmerte sich Zeit ihres sehr kurzen Lebens nicht um sie. Jetzt erzählt Malva, die allwissend ist und in jedermanns Vergangenheit schauen kann, von Pablo und seinen Liebschaften, von ihrer Geburt – und von ihren neuen Freunden:

„Jetzt, wo ich tot bin, habe ich ein paar Freunde hier, darunter Oskar Matzerath, du weißt schon, dieser witzige Zwerg mit seiner Blechtrommel aus dem Roman von Günter Grass. Außerdem: Lucia (Tochter von James Joyce und angeblich schizophren) und Daniel (Sohn von Arthur Miller, Downsyndrom).“

Das ist witzig, das ist kurios, geheimnisvoll, absurd und unterhaltsam. Auf zynische, schmerzliche Art unterhaltsam, denn dieses Buch ist eine Abrechnung und eine Anklage. Die niederländische Autorin Hagar Peetersen, die unter anderem für Lyrik bekannt ist, gibt einem Mädchen eine Stimme, das in der Geschichtsschreibung nicht vorkommt.

„Ich will mir eine Hand leihen, die ausdrücken kann, aufschreiben kann, was ich denke. Mein Vater tut es nicht. Die Hand meines Vaters hat sich mir schon längst entzogen. Ich suche eine andere Hand, eine Hand ohne Abscheu vor mir. Komm, Hagar, tust du es?“

Malva wurde unterschlagen, Malva wurde verborgen. Für Malva hat man sich geschämt, und deshalb haben die Biografien über Pablo Neruda, die von seinen revolutionären Ideen und Gedichten, von seinem Leben und seinen Lieben erzählen, über Malva kein Wort verloren. Dieser Roman ist ein Sprachrohr für ein Mädchen, über das nie gesprochen wurde. Aus dem Jenseits begehrt es dagegen auf, rückt die Tatsachen zurecht. Das ist in meinen Augen eine sehr originelle Idee – und ein ebenso originelles, fantasievolles Buch, das besonders bibliophilen, recht belesenen Menschen gefallen wird. Weil es zahlreiche Anspielungen auf literarische Figuren enthält und Parallelen zieht zu anderen Größen der Literatur, die sich schöner dargestellt haben, als sie waren. Nicht körperlich, sondern charakterlich. Malva ist die Ungewollte, die Ausgestoßene. Die Gefühle dieses Mädchens, das hier eine fiktive Figur ist und doch real existiert hat, hat Hagar Peetersen meisterhaft eingefangen. Sie hat jemanden porträtiert, der keine Beachtung gefunden hat, und es ist nur logisch, dass Malva erbost ist, aber auch voller Selbsthass. Besonders schön finde ich an diesem Roman, dass er etwas Bekanntes beleuchtet aus einer völlig neuen Perspektive. Pablo Neruda, der gefeierte Dichter, wird gezeigt als egozentrischer Mann, als treulose Seele, als liebloser Vater und somit letztlich: als Mensch.

Malva von Hagar Peeters ist erschienen im Wallstein Verlag (ISBN 978-3-8353-3341-3, 245 Seiten, 20 Euro).

 

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