Bücherwurmloch

Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne

„Das Leben ist der allergrößte Lehrmeister und es wird ihnen früher oder später schon die passende Lektion erteilen“
Rita ist verliebt in ihre Nachbarin Ulla. Die wiederum lässt sich von ihrem Ehemann verprügeln, während ihre halbwüchsigen Töchter dabei zusehen. Die Männer gefallen sich in ihren Rollen als Versorger, wir schreiben die Achtzigerjahre, die Frauen bleiben brav zuhause. Um den Nachwuchs zu hüten, der gelangweilt ist von der schnurgeraden Kleinstadtsiedlung, in der sie alle leben: Rita und Ulla, Cotsch und Lexchen, Klara und Johannes. Sie könnten glücklich sein, sind sie aber nicht, keiner von ihnen. Die Gründe sind unterschiedlich, die Konsequenzen gleich: Sie beneiden einander, glauben, bei den Nachbarn sei alles besser, sehen nicht, dass die genauso im eigenen Alltagsmief ersticken. Und tun merkwürdige, eventuell gefährliche Dinge, um vielleicht doch auszubrechen, um vielleicht doch etwas zu ändern – und endlich etwas zu fühlen.

Überspitzt ist Alexa Hennig von Langes neuer Roman, sehr überspitzt. Jeden einzelnen ihrer Charaktere, ihrer wechselnden Ich-Erzähler hat sie derart überzeichnet, dass es ironisch wirkte, wäre es nicht so bitterernst: Da geht es um häusliche Gewalt und Neid unter Nachbarn, um das Vernachlässigen der Kinder und die Blindheit gegenüber ihren Bedürfnissen, da geht es um erste Verliebtheit und eine Vergewaltigung.  Das ist böse und am Punkt, und deshalb ist es unterhaltsam. Den Stimmen in diesem Roman verleiht die Autorin, die mit Relax berühmt geworden ist und zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation gehört, Sarkasmus und Biss, lässt uns durch den geschärften, gefilterten Blick der vielen Protagonisten auf die vermeintliche Siedlungsidylle schauen. Und da fühlen wir uns natürlich alle angesprochen, die wir in den Achtzigerjahren vielleicht noch keine Erwachsenen, aber durchaus Kinder waren, so geht es zumindest mir: Ich erinnere mich. An das Draußensein, an die Fadesse, an diese zähen Nachmittage, die wir in den Häusern der anderen verbrachten, an die Handylosigkeit, an die merkwürdige Gleichgültigkeit unserer Eltern, die mir so typisch erscheint für die damalige Zeit. Wir waren keine behüteten, beschützten Kinder, mit denen die Eltern sich beschäftigt hätten, wir waren einfach nur da.

Stakkatoartig ist der Stil dieses Buchs, wie Wurfgeschosse zischen einem die Sätze um die Ohren, die kurzen, prägnanten Sätze. Gehässigkeit steckt darin, Bosheit, verborgenes Leid und Unglück. Alexa Hennig von Lange hat alles abgewatscht, was es  gab in den Achtzigern, hat kein gutes Haar gelassen an den Möbeln, der Kleidung, der Einstellung, der Art, die Kinder zu erziehen oder vielmehr: nicht zu erziehen. Aus der heutigen Sicht rückblickend geschrieben, wirkt das wie eine einzige große Abrechnung, ein Auskotzen, ein Verantwortlichmachen für das, was schiefgelaufen ist. Ich finde das lustig, mein Humor ist schwarz, ich finde es stellenweise aber auch too much, sehr einseitig, nicht ambivalent genug. Subtil ist was anderes. Aber das macht dieses Buch, diese Gesellschaftskritik, so heftig – und so kompromisslos gut.

Kampfsterne von Alexa Hennig von Lange ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9774-2, 224 Seiten, 20 Euro).

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