Bücherwurmloch

Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge

„Die Welt ändert sich zu schnell. Man lässt etwas, das immer da war, aus den Augen, und schon ist es nur noch eine Erinnerung“

Peter Leigh ist Missionar, und der Ort, an den er reist, um die Leute zu bekehren, ist nicht etwa, wie traditionell üblich, ein afrikanisches Land, nein, die gesamte Welt ist ja bereits missioniert. Also muss Peter eine weitere, gefährlichere Reise antreten, er wird zum Astronaut. Er lässt seine Frau Bea zurück, um mit einem Raumschiff zu einem fremden Planeten zu fliegen, sie darf aus abstrusen Gründen nicht mitkommen, obwohl sie es war, die den obdachlosen und drogensüchtigen Peter errettet und zum Glauben gebracht hat, aber hej, sie ist ja nur eine Frau. In der Raumstation angekommen, lernt Peter erst die Astronauten kennen und wird dann – nach einer Weile der Akklimatisierung – zu den Oasiern gebracht, den Bewohnern dieses Planeten. Sie haben eine merkwürdige Liebe zur Bibel, die sie „Das Buch der seltsamen Dinge nennen“, sie haben eine eigenartige Gestalt und scheinen ständig menschliche Medizin zu brauchen. Ihre Sprache „hörte sich an, als würde ein Feld aus trockenem Schilf und nassen Salatköpfen mit der Machete gemäht“, Peter macht sich nicht die Mühe, sie zu lernen. Mit seiner Frau hat Peter Kontakt über eine Art E-Mail-Programm, er kann Nachrichten senden und empfangen, und doch gelingt es ihnen immer weniger, die große Distanz zu überbrücken. Auf der Erde geschehen schreckliche Dinge, und wäre es nicht so pathetisch, würde ich sagen: Während Peter im All ist, geht die Welt unter.

Dieses Buch der seltsamen neuen Dinge ist sehr seltsam. Und vor allem ist es eins: viel zu lang. Auf fast 700 Seiten entblättert der bekannte niederländische Autor Michel Faber, der mit dem 1,5 Millionen Mal verkauften Roman Das karmesinrote Blütenblatt weltberühmt wurde, eine Geschichte, die gar nicht so viel Platz bräuchte, weil sie in ihrem Kern sehr klar ist: Einer zieht aus, um ein fremdes Volk zu missionieren, und dieses Volk befindet sich nicht auf der Erde. So weit, so gut, so weit, so möglicherweise spannend, aber: Enttäuschend finde ich die Umsetzung. Sprachlich gesehen solide und schlicht, ohne große Sprünge, ohne große Überraschungen, bietet der Roman zwar eine gute Idee, bleibt dann jedoch dem Klischee und den eh schon bekannten Vorstellungen verhaftet. Müssen denn wirklich Außerirdische aussehen wie „Außerirdische“? Ist es auch nur annähernd glaubwürdig, dass sie sich von allem, was es im Universum gibt, von allem, was unsere Fantasie übersteigt und sprengt und fordert, ausgerechnet für die Bibel interessieren? Warum sollten sie das tun, wie kleinlich, wie minimenschlich, wie egozentrisch ist eine derartige Vorstellung? Und weshalb, bitte weshalb, sollten sie derart abhängig sein von für menschliche Körper gemachte Medizin? Wie absurd ist das? Das gesamte Buch wirkt wie ein typischer Science-Fiction-Film-Verschnitt, keine einzige Idee ist neu, keine Beschreibung dieser fremden Welt, der Raumstation, der Umgebung geht über das hinaus, was wir bereits hundertmal gesehen und gelesen haben. Und dazu noch die Nachrichten zwischen Peter und Bea, die langatmig sind und überladen und kitschig, sehr religiös und vermeintlich liebevoll, dabei aber, in dieser Liebe, sehr flach. Das finde ich, zumal es sich über wie gesagt 700 Seiten dehnt, mehr als schade. Und es wundert mich, weil die Geschichte hinter diesem Roman sehr tragisch ist: Fabers Frau ist, während er ihn geschrieben hat, an Krebs erkrankt und gestorben. Um Liebe soll es gehen in diesem Buch, um Verlust. Und was hätte es da für Möglichkeiten gegeben! Zu entführen in etwas wirklich Fremdes, zum Nachdenken anzuregen über andere Weltanschauungen, den eigenen Kosmos einmal zu verlassen, endlich, und sei es nur für ein Buch. Stattdessen hält Michel Faber uns auch bei dieser Reise ins All fest auf der Erde mit all ihren Beschränkungen und ihrer offenbar nicht zu überwindenden Schwerkraft.

Das Buch der seltsamen neuen Dinge von Michel Faber ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5779-1, 688 Seiten, 25,70 Euro).

3 Comments

  1. Kathi

    Ich fand es ganz interessant, abwechslungsreich, unterhaltsam. Gerade das mit der Sprache der Oasier war schon innovativ und wie sich die beiden Liebenden „verlieren“ fand ich ganz gut umgesetzt.

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      1. Kathi

        Ja, ich weiß ja, du magst dicke Wälzer nicht so gern 😉
        Aber könnte man nicht jeden Roman, der mehr als 300 Seiten hat, irgendwie zusammen kürzen?

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