Bücherwurmloch

17 Gründe, warum ich das Herbstprogramm 2018 verweigern werde

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.24.46Letztens ist etwas geschehen, das noch nie geschehen ist, und es hat mich erst zum Nachdenken und dann zu einer recht radikalen Entscheidung gebracht. Ich habe auf dem Handy mein Mailprogramm geöffnet, und es kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Normalerweise werde ich dann hibbelig und notiere mir so bald wie möglich die Titel, die mich interessieren, voller Vorfreude. Diesmal jedoch habe ich entsetzt aufgestöhnt und die Mail mit einer einzigen, unbewussten, schnellen Bewegung gelöscht. Ungelesen. Erst dann dachte ich: Mareike, was hast du getan? Und warum?

Wenig später hab ich erneut eine Mail bekommen, nicht mit einem neuen Programm, sondern mit einer Nachfrage: ob ich jenes Buch erhalten und schon gelesen hätte, wann mit einer Besprechung dazu zu rechnen sei? Ich hatte das Buch bekommen, ja, und zwar zwei Tage zuvor. Nicht nur, dass es unmöglich ist, so schnell und stets aktuell zu lesen und zu rezensieren, es ist auch unangenehm, auf solche Mails zu antworten. Die Verlage hinzuhalten, weil die Stapel, die man hat, zu groß sind, sich dabei schlecht zu fühlen und das alles eigentlich nicht zu wollen, nicht so.

Deshalb habe ich beschlossen: Ich lasse das Herbstprogramm 2018 aus. Ich fordere kein einziges Leseexemplar an, ich blättere durch keine Vorschau, ich ignoriere das Neue, das kommt, ich mache nicht mit. Ich klinke mich aus.

Denn:

  1. Ich lese nur noch Neuerscheinungen. Das ist nichts Schlechtes, es hat sich so entwickelt, ich bekomme viele Bücher (auch unangefordert) und freu mich über jedes einzelne, aber ich kann dieser Flut an Neuerscheinungen nicht Herr werden, und während ich es versuche, bleibt niemals Zeit für all die älteren Bücher, die ich so lange schon lesen will.
  2. Ich lese keine dicken Bücher mehr. Dicke Bücher stressen mich, weil sie mich für lange Zeit blockieren, und das kann ich mir nicht leisten: Zu viel Ungelesenes wartet auf mich. Und dann kommen da ja schon wieder die Neuen daher, während ich noch mit denen beschäftigt bin, die soeben noch neu waren, aber halt leider zu dick, und es ist ein Teufelskreis. Seit 2014 warte ich beispielsweise auf den Moment, in dem ich frei genug bin für Brilka von Nino Haratischwili, 1200 Seiten lesen, während fast jeden Tag Neuerscheinungen eintrudeln? Ich hab es bisher nicht geschafft. Und das muss sich endlich ändern.
  3. Zurzeit liegen 60 Rezensionsexemplare auf meinem SuB und nochmal 60 ältere Bücher. Viele von euch denken jetzt vermutlich: Das ist doch nicht viel, ich habe wesentlich mehr. Für mich ist das aber durchaus eine große Zahl, für gewöhnlich habe ich nicht mal halb so viele ungelesene Bücher. Da ich ja noch dazu nicht mal genug Bücherregale habe, weiß ich nicht, wohin damit. Es ist alles ein wenig außer Kontrolle geraten.
  4. Das stresst mich. Alles davon stresst mich. Ich werde unruhig und will mich ständig nur noch beeilen, um irgendwie Schritt zu halten. Dass mir das nicht gelingt, stresst mich noch mehr. Ich will aber nicht gestresst sein. Ich will, dass das Lesen mir Spaß macht und das Bloggen auch.
  5. Dieser Blog ist ein unbezahltes Hobby. Ich verbringe damit das bisschen Freizeit, das ich in meinem chaotischen Leben habe. Und ich sehe bei immer mehr Bloggern, wie ihnen die Freude abhandenkommt. Wie sie eine Blogpause einlegen oder ihre Blogs schließen. So weit will ich es nicht kommen lassen.
  6. Ich werde vor lauter Hast immer NOCH ungeduldiger und kritischer. Ich möchte mir aber für ein Buch Zeit nehmen können, es in Ruhe lesen, nicht in Gedanken schon beim nächsten sein.
  7. Das ist der Geist unserer Zeit, das Tinder-Syndrom: Die Auswahl ist so groß. Wenn ein Buch mich nicht in kürzester Zeit fesselt, wische ich es weg und rufe: Next! Das nervt mich und strengt mich an. Wie kann denn da, um beim Vergleich zu bleiben, die große Liebe entstehen?
  8. Ich bin zu einer Gegenleistung verpflichtet: Ich bekomme Leseexemplare, und der Deal ist, dass ich darüber schreibe. Das tue ich nach Möglichkeit immer, und ich versuche, jedem Buch gerecht zu werden. Ein wirklich freies, unbedarftes Lesen ist das aber nun mal nicht, egal, wie man es dreht und wendet.
  9. Es geht zu schnell, es ist zu viel. Ich habe noch Titel vom Herbst 2017 hier. Ich lese wie eine Verrückte, bisher 48 Bücher in diesem Jahr, wie soll ich jemals nachkommen?Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.23.47
  10. Immer mehr, immer hektischer: Es reißt uns mit. Wir konsumieren und konsumieren, hetzen den Trends hinterher und jammern, dass wir Entschleunigung brauchen. Wir können nichts dagegen tun, denken wir, so ist das eben heutzutage. Das stimmt aber nicht. Wir können sehr wohl etwas tun. Ich kann. Einfach mal nicht mitmachen nämlich.
  11. Der Stress ist selbstinduziert. Ich muss nicht. Nicht lesen, nicht schreiben, nicht dem hinterherhechten, was man angeblich gelesen haben muss. Niemand zwingt mich dazu. Deswegen hab ich es selbst in der Hand.
  12. Ich bin kein Buchhändler, ich bin kein Journalist. Es ist egal, ob ich die neuesten Bücher lese oder nicht. Niemanden wird das kümmern. Ich muss nicht bei den Hypes mitmachen und auch nicht das lesen, was alle lesen. Und das gibt mir Freiheit.
  13. Ich will mich freuen, wenn ich ein Buch bekomme, nicht denken: Oh Gott, was tue ich nur, wo stelle ich es hin, und wann zur Hölle soll ich es lesen?
  14. Ich habe mir schon sehr lange keine Bücher mehr gekauft. Ich gehe in Buchhandlungen und stehe vor den Neuerscheinungen mit den Gedanken im Kopf: Hab ich im Regal, achja, das hab ich auch schon, oh Gott, das wollte ich noch lesen. Ich kaufe nichts, weil mich das Wissen, dass zuhause so viel Ungelesenes wartet, völlig niederdrückt. Und das finde ich schade. Ich möchte mir das wieder erlauben, ich möchte stöbern und entdecken und später dann auch wirklich lesen können.
  15. Radikale Schritte sind besser, als zu jammern. Deswegen werde ich einfach nichts vom Herbstprogramm lesen, nicht in die Vorschauen schielen, keine Listen anlegen, nichts bestellen. Ich werde mich um die ungelesenen Bücher kümmern, die ich schon habe. Ich werde mir Zeit nehmen, ihnen Zeit geben. Ich werde nicht nach dem nächsten schreien, sondern einfach mal die Pausetaste drücken, um aufzuholen. Das soll aber keine Challenge werden, bei der ich nichts Aktuelles mehr lesen DARF oder erst meinen SuB abbauen MUSS, ich mag solche Challenges nicht und halte nichts davon, mich dadurch auf neue Art wieder unter Druck zu setzen. Ich wünsche mir ja mehr Freiheit, nicht einen anderen Zwang.
  16. Ich verpasse nichts. Sicher werden gute Bücher erscheinen im Herbst 2018. Aber gute Bücher hab ich ja auch schon hier.
  17. Die Bücher laufen nicht weg. Ich kann sie auch später noch lesen. Wenn ich das wirklich will. 2019 zum Beispiel.

P. S.: Während ich diesen Post geschrieben habe, kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Ich hab sie ungelesen gelöscht.

18 Comments

  1. Kann ich sehr gut nachvollziehen. Haratischwilis „Brilka“ wartet auch bei mir bereits sehr lange und schaut mich vorwurfsvoll aus dem Regal an. Wahrscheinlich lese ich aber dann doch zunächst ihren neuen, im Herbst erscheinenden Roman (sind diesmal nur 800 Seiten). Allein, als Journalist muss ich wenigstens ein paar der Herbtsnovis lesen und besprechen. Aber ich versuche, die Größe der neuen Stapel wenigstens etwas zu reduzieren. Liebe Grüße, Gérard

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  2. Interessant, daß ich das sich unter Druck setzen und das mit den Bücherburn-Out und dem nicht mehr mitmachen wollen, weil Bloggen ja ein Hobby ist, in letzter Zeit bei einigen Bloggern so gelesen habe und ich habe ja auch erst kürzlich einen Artikel, daß es zu viele Bücher gibthttps://literaturgefluester.wordpress.com/2018/05/26/zu-viele-buecher/, die man gar nicht mehr alle lesen kann, obwohl man es will, geschrieben und bin ja selbst auch ein bißchen davon betroffen.
    Denn ich habe meine Frühlingsneuerscheinungen, bis auf Ihr Buch und eines über „Wien 1938“ gerade fertiggelesen und sollte jetzt noch etwa fünfzig ältere Backlistbücher lesen, die ich mir eigentlich für 2018 vorgenommen habe und im August kommt dann ja die deutsche Buchpreisliste und ein Monat später die österreichische und die will ich wahrscheinlich auch lesen und seit ich Buchpreislese bekomme ich auch die Vorschauen und da kann ich schwer nein sagen, fordere an und kann mich eigentlich nur darüber freuen, daß nicht alles gekommen ist, denn sonst wäre ich noch nicht damit fertig….
    Ja, ja, es ist ein Dilemma, es gibt zuviele Bücher und alle sind, finde ich zumindestens, interessant und ich weiß, wenn ich jetzt zum Bücherschrank gehe und ein zum Beispiel vor fünf Jahren sehr gehyptes Buch dort finde, daß ich es wegen der Rezensionsexemplare, die natürlich Vorrang haben, wahrscheinlich nicht mehr lesen kann und natürlich muß man dann eine Lösung finden, wie man damit umgeht.
    Ich habe in einem Vlog gehört, daß man gar nicht mehr anfordern sollte, als man spätestens in vier Wochen lesen kann. In Buchpreislesezeiten dauert es bei mir schon mal zwölf Wochen und mehr als zehn bis zwanzig Rezensionsexemplare hatte ich noch nie auf einem Stapel liegen.
    Was ist die Lösung? Ich habe auch keine, außer die, daß ich mir denke, es wird schon und pendelt sich aus, weil ja nicht alle angefragten Bücher kommen, ich mich bei Vorschauen bemühe „bescheiden“ zu sein und ich mich, weil ich eben sehr gern und auch sehr schnell lese, immer noch sehr neugierig bin, mich eigentlich auch nicht unter Druck gesetzt fühle.
    Vielleicht habe ich auch deshalb kein so großes Problem damit, weil ich ja eigentlich für mich und nicht für die Verlage lese und mich auch nicht als Teil des Literaturkritikbetriebs fühle.
    Ich bin eine seit fünfundvierzig Jahre schreibende Frau, die mindestens seit dieser Zeit begeistert Bücher liest, wohl auch um herauszufinden, was die anderen besser als ich können, weniger, um andere zum Lesen zu überreden, aber natürlich muß man mit dem Druck, den man sich selber machen kann, umgehen lernen.
    Ob es die Radikalkuren sind, die helfen, bin ich gar nicht so überzeugt, zumindest bin ich vor ein paar Jahren kläglich daran gescheitert, als ich mir eine Bücherbeschränkung https://literaturgefluester.wordpress.com/2013/03/28/bucherbeschrankung/ auferlegte und mir keine Bücher mehr aus den Schränken nehmen wollte.
    Das habe ich, glaube ich, schon am selben Tag nicht mehr eingehalten und so finde ich es eigentlich spannend, daß es viel mehr Bücher gibt, als ich lesen kann und denke, ich finde schon eine Lösung damit umzugehen und glaube eigentlich nicht, daß es die ist, mir zu wünschen, daß die Verlage weniger Bücher verlegen und weniger Buchmessen veranstaltet werden, wie es Tobias Nazemi kürzlich vorschlug.
    Liebe Grüße aus Wien und viel Erfolg mit Ihrem Vorhaben. Verlieren Sie nicht die Freude am Lesen, würde ich Ihnen raten!

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  3. Nola

    Liebe Mariki,
    vielen Dank für Deine offenen Worte. Das kann ich gut nachvollziehen, auch wenn ich selbst nicht blogge.
    Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Deine Rezensionen über die Bücher, die Du in diesem Jahr lesen wirst, egal ob neu oder alt. Lass Dich bitte nicht stressen, weder von Vorschauen noch von Büchern. Ich lese sehr gerne Deinen Blog und es würde mich außerordentlich betrüben, solltest Du einen Blog-Burnout bekommen.
    Liebe Grüße
    Nola

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  4. Liebe Mareike,

    ich finde das großartig. Ich versuche jedes Mal, weniger anzufragen, weil ich zwar viel Spaß beim Lesen habe, aber auch sehr gestresst bin. Die von dir angegebenen Gründe könnten allesamt von mir sein…

    Ich glaube, nur mit dieser Radikalität ist das zu schaffen, denn sonst würde ich persönlich immer sagen „Ach, das eine frage ich noch an, dann keins mehr. Außer das neue Buch von xyz“. Vielleicht probiere ich die Radikalität auch mal. Erzähl mal, wie es gelaufen ist und wie das für dich war, wenn du erfolgreich das Herbstprogramm ignoriert hast und der Frühling 2019 naht.

    Sei lieb gegrüßt aus dem schönen Berlin,
    Romy

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    1. Mariki Author

      Ja, das dachte ich mir auch … wenn ich nicht radikal gar keins bestelle, stehe ich am Ende doch wieder mit mindestens 15 Titeln da! Und die, die ich schon habe, zünde ich irgendwann aus Verzweiflung an 😉 (das war freilich ein Scherz). Ich werde berichten! Bin gespannt, wie es dir mit dem Herbstprogramm ergeht …

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      1. Frag nicht! Ich dachte eigentlich, mich interessiert weniger als sonst. Irgendwie wird man ja satt und will nicht immer weiter futtern. Aber nach dem Lesen deines Posts habe ich gestern mal gezählt, was mich beim Herbstprogramm alles interessiert hat. Aber frag lieber nicht, es ist wirklich verheerend. 🙂

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  5. Thomas Malzen

    Ich kann das alles so gut nachvollziehen, gute Entscheidung! Mir ging es bis Ende letzten Jahres genau wie dir (allerdings habe ich deutlich weniger Rezensionsexemplare, es stressen mich aber auch schon zwei davon), sogar mit Brilka ging es mir ähnlich. Dann habe ich aufgehört Rezensionen zu schreiben und Bücher immer mit Blick auf die folgende Besprechung hin zu lesen. Seit dem lese ich rein nach Lust und Laune, was dazu geführt hat, dass ich dieses Jahr bereits viel mehr Bücher gelesen habe als in den Jahren davor (bin gerade bei Buch 32) und wieder viel mehr Freude am Lesen habe. Einen kleinen Kompromiss bin ich eingegangen – je nach Zeit bekommt ein Buch einen Instagram-Post mit einer Kurzmeinung. Für längere Texte fehlt mir einfach die Zeit bzw. das Talent Texte in kurzer Zeit zu schreiben. Mal schauen, was die Zukunft bringt, auf jeden Fall wieder mehr Backlist. Viele Grüße. Thomas

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  6. Nummer 11 ist der Schlüssel. Es liegt an einem selbst. Und nein, man verpasst nichts. Gar nichts. Man gewinnt viel mehr. Zeit für die Bücher, fürs Lesen, für die Autoren, für die Verlage, für die Illustratoren und für sich und seine Familie.

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  7. Weil du Haratischwili nennst, dass will ich dieses Jahr im Doppelpack mit dem Neuen angehen. Es gibt soviel, die es noch nicht gelesen haben, vielleicht lässt sich eine Leserunde veranstalten…

    Zwecks Vorschau: Bei mir hat sich da noch nie Vorfreude eingestellt, sondern mehr so ein Stressfaktor. Da ist das Frühjahr noch nicht mal um, dann kommt schon das Herbstprogramm? Ich mache das eigentlich immer spontan mit mir aus, welches Buch gerade passt und wenn nicht, dann vielleicht später oder gar nicht. Man muss sich ja nicht über Maß stressen, gell?

    Liebe Grüße in die Berge.

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    1. Mariki Author

      Ja, eben … aber selbst wenn man es nicht will, stresst es einen ja doch. Weil man halt auch neugierig ist auf die Bücher! Und immer mehr und mehr kommen … in so einem irren Tempo.

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      1. Ja, dass Tempo ist irrsinnig. So viele Bücher, die gelesen werden wollen und das stresst.
        Ich komme zwar nicht an deine Anzahl der Bücher ran, die noch zu lesen sind, habe aber dieses Jahr mehr Neuerscheinungen als sonst, aber immer selbstbestimmt ausgesucht. Das habe ich wohl durch meine Entschleunigung aus dem letzten Jahr gelernt.
        Freue mich zwar auf den Herbst, aber noch nicht jetzt.

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  8. Das ist sicher eine gute Entscheidung! Ich habe nur einen ganz kleinen und noch recht neuen Blog und habe bisher nur ein einzige Rezensionsexemplar gelesen, aber schon das hat mich gestresst xD Da kaufe ich mir lieber selbst Bücher oder lese welche von meinem SuB. 😉 Viel Vergnügen beim Lesen, wobei du dir so viel Zeit nehmen darfst, wie du möchtest! 🙂

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