Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Bronsky„Wir sind den Menschen unheimlich. Sie scheinen zu glauben, dass die Todeszone sich an die Grenzen hält, die Menschen auf Landkarten einzeichnen“

„Es gibt Tage, da treten sich in unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann wiederum gibt es Tage, da sind sie alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht. Vielleicht erfahre ich es, wenn ich eine von ihnen bin.“

Und eine von ihnen könnte Baba Dunja bald sein: Sie ist alt, und sie lebt in Tschernowo. Das ist ein Gebiet um Tschernobyl, so verstrahlt, dass niemand es betreten will, sogar der Bus hält an einer Stelle zwei Stunden Fußmarsch von Tschernowo entfernt. Baba Dunja ist heimgekehrt. Sie weiß genau – zumal sie ihr Leben lang Krankenschwester war –, was für eine Gefahr das Gemüse darstellt, das sie in ihrem kleinen Garten erntet, wie tödlich jeder Schluck Wasser sein kann, doch es kümmert sie nicht. Sie will zuhause sein, sie will hier ihre letzten Jahre verbringen, sie will hier sterben. Und sie ist nicht allein: Die Gavrilovs sind da, der alte Petrov, die dicke Marja. Ein paar andere Alte haben sich wieder niedergelassen in Tschernowo, sie alle sind eine kleine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig die meiste Zeit in Ruhe lässt, aber zusammenhält, wenn es drauf ankommt. Dass die Öffentlichkeit sie für verrückt hält, ist Baba Dunja und ihren Nachbarn egal:

„Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass Menschen immer und ausschließlich das tun, was sie wollen. Sie fragen nach Ratschlägen, aber eigentlich brauchen sie fremde Meinungen nicht. Aus jedem Satz filtern sie nur das heraus, was ihnen gefällt. Den Rest ignorieren sie.“

Baba Dunjas Kinder sind weit fort, ihr Sohn lebt am anderen Ende der Welt, ihre Tochter in Deutschland. Manchmal bekommt Baba Dunja ein Paket mit praktischen Dingen, manchmal einen Brief. Doch dann erhält sie zum ersten Mal einen Brief von Laura, ihrer Enkelin, und das macht Baba Dunja Sorgen: Was steht drin? Warum hat Laura ihr geschrieben? Sie hat keine Möglichkeit, die Worte zu entschlüsseln, versteht sie doch weder Deutsch noch Englisch. Klar ist nur: Etwas ist passiert. Und obwohl Baba Dunja nur ihre Ruhe möchte, weitab der Zivilisation, im giftigen Herzen des nuklearen Katastrophengebiets, wird ihr genau diese Ruhe nicht gewährt …

Alina Bronsky ist ziemlich großartig, das wusste ich schon nach Scherbenpark vor vielen Jahren – mit Baba Dunjas große Liebe ist es mir wieder eingefallen. Es ist gut möglich, dass ich nun auch die Bücher lesen werde, die sie dazwischen geschrieben hat, und ihr wisst, ein größeres Kompliment kann ich kaum aussprechen. Alina Bronsky hat die seltene Gabe, gewitzt, schlau und ohne großes Drama über Themen zu schreiben, die eigentlich großes Drama bedeuten. Ihre Idee, eine Geschichte rund um eine alte Tschernobyl-Heimkehrerin zu erfinden, ist schlichtweg genial. Sie hat eine Protagonistin erschaffen, die lebensklug ist und erfinderisch, einfallsreich und entspannt, eine gute Beobachterin, jemand, der schon viel gesehen und erlebt hat, den nichts mehr erschüttern kann. Das würde man denken, denn dann – und das macht den kurzen Roman durchaus spannend – geschehen sehr wohl Dinge, die Baba Dunja erschüttern. Sie ist eine von den Heldinnen, die gar keine Heldinnen sein wollen, und denen gerade deshalb das Herz des Lesers zufliegt. Sie ist kein weicher, manipulierbarer Mensch, im Gegenteil, mit ihr sollte man es sich nicht verscherzen. Das alles macht sie einerseits sympathisch und interessant, zugleich auch sehr authentisch: Baba Dunja ist die Oma, die dich liebevoll mit Kuchen füttert, dir aber auch spöttisch in den Speck zwickt.

Dieses Buch ist eine Geschichte über Außenseiterdasein und das Glück derer, die sich nicht mehr den Zwängen der Gesellschaft unterwerfen müssen.

„Was ich an Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel. Wir stellen nach, was Menschen normalerweise tun. Von uns erwartet niemand etwas.“

Es ist auch ein Buch über das Altern und Loslassen, über Mut, Zusammenhalt und die Bindungen innerhalb einer Familie. Über Tote, die nicht gehen wollen, die Dummheit der Menschen und über Lügen, die Folgen haben. Wer es noch nicht kennt: Unbedingt lesen!

Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky ist als Taschenbuch erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-05028-8, 160 Seiten, 8 Euro).

4 Comments

  1. Eine wundervolle Rezension zu einem wirklich interessanten Buch. Hört sich toll an, besonders die Zitate, die du dir rausgesucht hast! Steckt viel Wahres drin!
    Wünsche dir eine gute Woche!

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