Prost Mahlzeit: 1 Stern

Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit 

li„Das beste Leben ist das nicht gelebte Leben“
Drei Jugendliche in Beijing nach den Aufständen am Tiananmen-Platz: Ruyu, Moran und Boayng. Ruyu ist ein Waisenkind, religiös erzogen, das seinen Weg zu Gott gehen will, wie auch immer der aussehen mag. Moran ist in Boyang verliebt, der wiederum leidet unter der Ignoranz seiner Eltern. Die Verbindung zwischen diesen dreien ist die Studentin Shaoai, die aufgrund ihrer politischen Ansichten der Universität verwiesen wurde und mit der Ruyu sich ein Bett teilen muss. Shaoai wird vergiftet, kommt aber nicht ums Leben, sondern wird aufgrund des Sauerstoffmangels im Gehirn zum Pflegefall. Wer hat ihr das angetan? War es Ruyu? Moran oder Boyang? Und warum? Die beiden Frauen leben zwanzig Jahre später längst in Amerika, als Shaoai stirbt. Boyang ist in ihrer Nähe geblieben, hat sich um ihre Eltern gekümmert, obwohl er Shaoai nicht einmal mochte. Kommen die Hintergründe für das damalige Verbrechen nun ans Licht? Ja. Überraschend sind sie aber nicht.

Schöner als die Einsamkeit von Yiyun Li, die in Beijing geboren wurde und mittlerweile in Kalifornien Kreatives Schreiben lehrt, ist eins der nachdenklichsten Bücher, die ich je gelesen habe. Und das meine ich nicht unbedingt positiv. Anfangs fand ich das Bohren und Hineindrehen und Sich-Vertiefen noch ganz gut und anregend, nach einer Weile jedoch überaus anstrengend. Dieses Buch will mir etwas sagen, unbedingt will es mir etwas sagen, mit seinen tiefschürfenden Sätzen, den bedeutsamen Botschaften, den vielen Metaphern, allein: Ich weiß nicht, was. Ich verstehe viele dieser Sätze ganz einfach nicht, ich höre ihren schönen Klang, aber bei näherem Hinsehen verzweifle ich zusehends. Das liest sich zum Beispiel so:

„Eine Tür wird geöffnet und dann wieder geschlossen, doch weder der Aufbruch noch die Ankunft durch diese Tür sind in irgendeiner schädigenden Weise permanent.“

„Das Leben, das bereits alt war, alterte nicht.“

„Die Toten zogen sich nicht zurück, wenn man sie nicht würdigte.“

„Ihr Schweigen gab ihnen Macht über ihn, doch Menschen, die man nicht zum Schweigen zwang, mussten sich dafür entschieden haben mit dem Ziel, ebendiese Macht zu erlangen.“

Joah. Wie bitte? Ich grüble während der Lektüre und komme nur selten auf einen grünen Zweig. Zudem stellt Yiyun Li durch die Münder ihrer Figuren Fragen, richtig viele Fragen, ganz abartig viele Fragen. Die sollen wohl dem Leben an sich auf den Grund gehen, sind allerdings so verquer und absurd, dass die Dialoge drumherum mir vorkommen wie die Gespräche von Philosophen auf Speed.

Am meisten gestört hat mich an diesem Buch, dass die drei Protagonisten sich nicht voneinander unterscheiden. Nicht mal ein bisschen. Sie sind sich derart ähnlich, sie könnten ein und dieselbe Figur sein. Alle drei sind unfassbar einsam, lieben die Einsamkeit, zelebrieren und schützen sie, würden sie niemals aufgeben. Keiner von ihnen hat ein Leben. Sie tun nichts, sie empfinden nichts, sie sind leer. Sie lieben niemanden, nichts berührt sie, auch der Vorfall von damals ist ihnen eigentlich egal. Sie atmen, und das ist auch schon alles. Und weil das bei Ruyu, Moran UND Boyang der Fall ist, muss ich quasi dasselbe in jedem Kapitel – trotz vermeintlichem Perspektivenwechsel – wieder und wieder lesen. Das ist ermüdend und langweilig. Und sehr, sehr schade, denn Yiyun Li hätte die Story von mehreren Seiten beleuchten können, statt nur eine einzige Facette zu sezieren wie eine Besessene. Ihr Buch hätte außerdem spannend sein können, eine Mörderjagd, eine Rätsellösungssuche, aber sie verrät schon am Anfang, dass Shaoai tot ist, dass sie vergiftet wurde und zwanzig Jahre leiden musste – und wer Schuld trägt, das interessiert niemanden. Außer mich, aber wen kümmert das schon? Es wundert mich sehr, dass eine solch unkreative Autorin Kreatives Schreiben lehrt, denn ihr Buch ist trotz gewählter Ausdrucksweise und schön melancholischer Stimmung eine herbe Enttäuschung. Aus ihrem Kurs würde ich vermutlich schreiend rausrennen.

Schöner als die Einsamkeit von Yiyun Li ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-24906-6, 352 Seiten, 22,90 Euro). Das Feuilleton attestiert Yiyun Lis Roman ausschließlich Gutes, die Leere der drei Protagonisten erscheint dort als Gefühlskälte der neuen chinesischen Menschen, es werden Gründe gefunden, warum man, wie es heißt, trotz Banalität weiterliest. Meine Güte. Nur weil ein Buch im Echo der Aufstände spielt und Emigration zum Thema hat, muss es nicht gleich gut sein. Aber nun ja, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

4 Comments

  1. Kathi

    Hmm, also ohne das Buch zu kennen – es klingt prinzipiell nicht so uninteressant. Die von dir geposteten Beispielsätze finde ich auch fragwürdig, allerdings schreibt die Autorin ja nicht in ihrer Muttersprache und das muss man diesbezüglich vielleicht schon berücksichtigen. Wenn du es loswerden willst, ich melde mich freiwillig 😉

    Reply

Kommentar verfassen