Bücherwurmloch

Mariki motzt mal wieder Part I

Rant1Ich hatte da einen Lauf. Und zwar im negativen Sinne: In letzter Zeit hab ich sehr viele schlechte Bücher gelesen, viele davon direkt hintereinander, was noch schlimmer ist, denn da sinkt meine literarische Laune auf den Nullpunkt, und ich werde richtig grantig. Diesen Grant, meine Damen und Herren, merkt man auch meinen Bemerkungen über die folgenden Bücher an:

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Es gibt ein Patentrezept in der deutschen Literatur: Wandere nach Deutschland ein – am besten aus einem Land, in dem Krieg herrscht –, lerne die Sprache, schreibe einen Roman in dieser neuen Sprache über Traumata und Verlorensein und Integration, und sie werden dich lieben. Das Feuilleton wird dich abschlecken vor Begeisterung, man wird dich mit Preisen überhäufen. Absolviere zusätzlich das Literaturinstitut Leipzig, und du hast den Jackpot geknackt. Sie werden dich nicht ignorieren können. Nicht mal, wenn dein Buch total scheiße ist. Olga Grjasnowa hat sich an dieses Erfolgsrezept gehalten. Migrationshintergrund: Check. Sogar in Aserbaidschan geboren, Pluspunkt, weil selten. Trauma: Check. Sprache spät gelernt: Check. Literaturinstitut: Check. Haufenweise Preise: Check. Beschissenes Buch: Check. Worum geht es darin? Um das Zelebrieren der Verlorenheit. Damit Protagonistin Mascha so verloren wie möglich ist, muss ihr Freund weg, und der stirbt einen so lächerlich dummen Tod, dass es fast wehtut. Mascha also allein, fremd, traurig, sehr orientierungslos, sehr verloren. Mäandert im eigenen Leben herum, findet keinen Halt, jongliert mit Sprachen, weil entwurzelt, geht nach Israel, weil Konfliktpotenzial für den Roman. Der ist insgesamt so flach und sinnlos, blutleer und verkrampft, dass ihm in meinen Augen auch das vermeintliche Patentrezept nicht mehr hilft.

Charlie Lovett: Das Buch der Fälscher
Wer war William Shakespeare wirklich? Darüber streiten die Experten seit Jahrhunderten. Der Antiquar und Buchbinder Peter Byerly könnte einen echten Beweis gefunden haben: ein Buch mit Randnotizen in Shakespeares Handschrift. Die Frage ist nur: Ist es echt oder gefälscht? Die Suche nach der Antwort lenkt Peter immerhin von seinem großen Kummer ab, denn seine Frau Amanda ist gestorben. So weit, so gut – doch das Buch ist leider schlecht. Weil Charlie Lovett so aufregend schreibt, wie ein Nachrichtensprecher die Wettervorhersagen verliest. Der Roman ist lahmarschig, stinklangweilig und unfassbar uninteressant – und das, obwohl die historischen Ereignisse rund um Shakespare, ein grausamer Mord und die Spurensuche in einer Gruft durchaus Stoff für eine spannende Story geben würden. Allein: Man muss verstehen, sie auch gut zu erzählen. Bei dieser Ödnis von einem Buch ist das leider nicht geglückt, nicht mal im Ansatz.

Fiona McFarlane: Nachts, wenn der Tiger kommt
Dieses Buch ist wie eine unruhige Nacht: Ich bin immer wieder eingedöst, kann mich an nichts Zusammenhängendes erinnern und hatte am Ende einen schalen Geschmack im Mund. Der kam von der Enttäuschung. Dabei hat es bei seinem Erscheinen 2014 für Aufsehen gesorgt und versprach eine fesselnde Geschichte: Die alte Ruth bekommt eine vom Staat geschickte Helferin namens Fiona ins Haus, die sie nach und nach entmündigt. Ruth kann bald nicht mehr zwischen Wahrheit und Einbildung unterscheiden und verliert zusehends die Kontrolle. Aber das geschieht nur im Kleinen, und Leute, es dauert eeewig. Es dauert doppelt so lange wie euer schlimmster Zahnarztbesuch ever. Der Roman ist so fad, dass ich beim Anblick all der Seiten, die noch vor mir liegen, regelmäßig in Verzweiflung gerate. Ich lese ihn deshalb nur quer – und finde es am Ende schrecklich, dass der Grund für Fionas Verhalten genau der ist, den man gleich zu Beginn vermutet. Nicht ein Funken Originalität in der Auflösung – erst auf den letzten zwei Seiten, die dafür so merkwürdig sind, dass ich sie nicht verstehe. Muss man erst mal schaffen, einen guten Plot so zu verkacken! Ein grausam schlechtes Buch, das niemandem wertvolle Lebenszeit stehlen sollte.

Bettina Balàka: Kassiopaia
Das soll ein Liebesgeschichterl sein, ein Frauenroman, aber auch eine Satire, eine Gesellschaftsstudie. Es ist alles zugleich und nix davon gescheit. Hauptperson Judit, Anfang 40, reich, diätbesessen, gelangweilt und furchtbar nervig, schreibt dumme Listen, hat dumme Freundinnen und verhält sich auch noch dumm: Sie jagt den Autor Markus Bachgraben, den sie in Venedig vermutet. Die zwei hatten eine Nacht, aber Judit will sich damit nicht zufriedengeben. Nun ja, sie arbeitet nicht, sie muss sich irgendwie beschäftigen und hat zudem ein Rad ab: Da kann man schon mal auf die Idee kommen, einen Kerl zu stalken, der nix von einem wissen will. Jetzt wäre die Story von Judit und Markus schnell erzählt, und deswegen ist das Buch vollgestopft mit kurzen Geschichten über völlig uninteressante Nebenfiguren, die jeweils nur einmal vorkommen. Das ist eh alles nett und österreichisch und mit Schmäh, aber wirklich nicht lesenswert. Am Ende gibt’s eine Du-bist-adoptiert-Auflösung wie in einer billigen Soap, und dass das Christkind nicht existiert, wird als größtes Trauma überhaupt festgelegt. Das zeigt, auf welchem Niveau dieses Buch sich bewegt.

23 Comments

  1. Danke! Hab beim Lesen intensiv lachen können. Schreib doch öfter solche Kritiken!
    Auch wenn ich bei Olga Grjasnowa nicht 100 % zustimme – die anderen drei Bücher hast du in ihrer Fadheit und Niveaulosigkeit großartig beschrieben. Schöne Grüße :-)

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      1. „Das Buch der Fälscher“ hatte ich damals nach wenigen Seiten gähnend weg gelegt. Mit „Nachts wenn der Tiger kommt“ habe ich mich bis zum Ende gequält. Was war ich wütend über die verschenkte Zeit!
        Ich wünsche dir also als nächstes ein richtig gutes Buch. Versuch es mal mit „Duell“ aus dem Weidle Verlag. Nach der Lektüre weiß ich wieder, warum ich eigentlich lese 😉

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  2. Oje, denen hast du es aber gegeben. 😉
    Kleiner Tipp an alle: Hände weg von „Sturmland“!!! Es ist so beschissen, dass man schon wieder sagen kann, dass es etwas ganz Besonderes ist, bla, bla bla. Aber das ist es absolut nicht! Es ist entweder original-grauenhaft geschrieben oder einfach nur eine sehr, sehr miese Übersetzung aus dem Schwedischen. Man könnte beispielsweise statt viermal im selben Satz den gleichen ver******* Namen zu nennen auch mal zur Abwechslung „er“ oder „mein Onkel“ schreiben, aber diese stilistische und grammatikalische Hürde hat der Übersetzer wohl einfach noch nicht genommen. Schade und traurig. Das beschriebt dieses Buch noch am besten.

    https://bookpalast.wordpress.com/2016/05/11/sturmland1-die-reiter/

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  3. Och, „Das Buch der Fälscher“ fand ich ganz nett, das könnte man sicherlich etwas lockerer sehen. An sich gefällt mir aber dein harscher Ton – sollte man viel öfter machen :)
    Mein momentaner Nicht-Lesetipp: „Weine nicht“ von Lydie Salvayres. Die Story ist eigentlich interessant, die Umsetzung jedoch leider zum Gähnen langweilig.

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  4. Kathi

    Ich find deine kurzen Rezensionen so lustig, dass mich die Bücher ja fast schon reizen 😀
    Vielleict kann ich mich hinreißen und werd 1,2 davon lesen, nur damit ich weiß wovon du schreibst.

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  5. Danke hierfür! Verrisse sind auch weeeesentlich spannender zu lesen als Lobhudeleien.

    Mit schlechten Büchern ist es ja wie mit dem auf-den-Fahrstuhl-warten: man kann sich nicht zwischen „aufgeben“ und „gleich gehts los“ entscheiden…

    Liebe Grüße!

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  6. Aber „Der Russe ist einer, der die Birken liebt“https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/12/18/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/ ist doch ein tolles Buch.
    Ich habe ja, wie ich auch immer schreibe meine Schwierigkeiten, was ein schlechtes Buch ist und glaube, ganz ehrlich, daß es das wahrscheinlich nicht gibt.
    Vielleicht liegt es auch an den Ansprüchen, die man daran setzt und als Blogger wird man vielleicht auch sehr kritisch und schießt vielleicht auch manchmal über das Ziel hinaus.
    Die Psychologin würde da wahrscheinlich raten, eine Pause und etwas anderes machen, bis die Lust am Lesen wieder kommt.
    Pockeymoon suchen wäre vielleicht eine Möglichkeit oder sich auf den deutschen oder österreichischen Buchpreis konzentrieren, aber da sind wir schon wieder beim Lesen, ich komme offenbar auch nicht darum herum, liebe Grüße aus Wien!

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  7. Von den genannten Büchern habe ich nur „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ gelesen und fand es nicht ganz so schlimm. Mir war vor allem die Protagonistin zu unsympathisch. Im vergangenen Jahr hat mich eigentlich nur ein Buch richtig enttäuscht und das war „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier. Ziellos, nichtssagend.

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    1. Mariki Author

      Hahaha, wirklich? Das hab ich kurz vorher rezensiert und fand es sehr gut! Da sieht man mal wieder, wie subjektiv das alles ist …

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  8. Rouska

    „Es gibt ein Patentrezept in der deutschen Literatur: Wandere nach Deutschland ein – am besten aus einem Land, in dem Krieg herrscht –, lerne die Sprache, schreibe einen Roman in dieser neuen Sprache über Traumata und Verlorensein und Integration, …“
    Hallo Mariki, habe gerade deine Seite entdeckt. Das mit dem Patentrezept hat mich angesprochen. Klingt nach Handeln mit Dramen. Aber das haben die Menschen doch schon immer gemacht. Schade. Nun, ich kenne das Buch nicht, vielleicht hast du ja recht, aber sind wir es leid, immer wieder über Verlorensein und Traumata zu hören, zu lesen?
    Mein Lieblingsbuch „Chronik eines angekündigten Todes“ handelt auch von einem Drama – aber sehr unauffällig, geht richtig unter die Haut, besticht mit der Neutralität, zwingt nicht zum Traurigsein, aber zum Nachdenken …
    LG, Rouska

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