Außer Konkurrenz

„Stell dir vor, wir würden da leben. Dann könnten wir alles sehen. Die ganze Wahrheit“
Mit diesem Buch ist mir etwas passiert, das ich nicht erwartet habe und nur schwer erklären kann. Ich hab mir Zitate darin markiert, überraschend viele Zitate, wundervolle, tiefgehende Sätze, die ich mir aufgeschrieben habe, um sie zu behalten, in die ich mich einwickeln möchte wie in einen selbstgestrickten, wärmenden Schal, Sätze wie Goldnuggets in einem Fluss. Aber wenn ihr mich fragtet: „Mareike, das Buch der Wunder, hat dir das gefallen?“, würde ich sagen: Nein. Und das ist ein bisschen absurd, nicht wahr, wie ist das möglich?

Es war mir zu verwirrend, zu gewollt, zu viel – gut gedacht, aber unsauber ausgeführt. Ich habe mich in die Sprache verliebt, ich habe mich in die erwähnten goldenen Sätze verliebt, doch die Geschichte selbst, der Inhalt, hat mich den Kopf schütteln und die Augen rollen lassen. Zuerst sind da die Kinder, mit ihren Eigenheiten, mit ihrem Vater, der Selbstmord begeht, und ja, da bin ich noch dabei, da nicke ich noch, das ist voll kindlicher Poesie, märchenhaft. Doch dann wird es merkwürdig und immer merkwürdiger, einen Ort namens Rachel gibt es, eine Art Wohnwagensiedlung, einen See, der ein Spiegel ist oder vielleicht auch nicht, in dem man sich selbst sieht und eventuell verliert. Die Sprünge zwischen den Zeiten kann ich nicht nachvollziehen, die zwischen den Figuren auch nicht, und während ich noch verstehe, dass man jemanden, der stirbt, in einer anderen Welt sucht, bleibt mir ein Rätsel, warum das nicht gelingt.

Sie werden erwachsen, natürlich, und die Wunder von damals sind nur Erinnerungen. Nebenfiguren treten auf, die wenig ausgearbeitet sind, alle Kapitel schmal, sparsam, und ich hoffe weiterhin, ich denke: Vielleicht wird das Ruder noch herumgerissen. Aber nein, am Ende falle ich hinaus aus dem Buch, finde die Entwicklung klischeehaft und abgeschmackt. Die Werbewelt, in der ich mich seit vielen Jahren bewege, in der ich arbeite, wird derart oberflächlich dargestellt, dass ich mich frage, ob das eine Persiflage sein soll. Pudding? Ein gläsernes Haus voll Licht, im Ernst?

Und doch. Diese Sätze! Ich weiß nicht, wie das zusammengeht. Dass ein Buch solche Zitate enthalten kann, die mich zutiefst berühren, und mich trotzdem derart enttäuscht zurücklässt. Aber nicht alles im Leben muss erklärt werden können, manchmal sind die Dinge einfach so, wie sie sind.

Ich bin zum Mond geflogen, zusammen mit den Träumen und Hoffnungen der gesamten Menschheit. Und alles, was ich dort gefunden habe, waren kalte Felsen. Können Sie sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist?

Das Buch der Wunder von Stefan Beuse ist erschienen im mairisch Verlag (ISBN 978-3-938539-44-6, 224 Seiten, 18 Euro).

 

Außer Konkurrenz, Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_8947„Besonders erregend ist das Küssen in der Schlange der Zahnklinik“
Ich rede oft und viel über Sex. Ich bin absolut schamlos und ziemlich tabubefreit. Man könnte auch sagen, ich sei vulgär. Aber: Ich lese nie über Sex. Keine erotische Literatur – zumindest nicht absichtlich und bewusst, es kann natürlich sein, dass in einem Buch mal gevögelt wird. Dann fand ich allerdings den Titel von Marinotschka, du bist so zärtlich irgendwie cool. Und hab mir gedacht: Warum nicht, probierst du eben mal was Neues aus. Jetzt ist es so, dass ich das Buch gelesen habe. Und ja, es geht um Sex. Es geht sogar ausschließlich um Sex. Bloß gibt es keine zusammenhängende Geschichte – und deshalb fällt’s mir eher schwer, euch Bericht zu erstatten über den Inhalt. Und immer, wenn das der Fall ist, lasse ich das Buch selbst sprechen. Aber eins noch vorweg: Die russische Autorin Marina Lioubaskina schreibt witzig, rührend und einigermaßen tabulos, völlig bunt zusammengewürfelt; sie unterbricht die Erzählfragmente immer und immer wieder, um Lyrische Exkurse – L. E. genannt – einzufügen, und hat stets einen sarkastischen Unterton. Ich hab nicht die geringste Ahnung, was sie mir mit all dem sagen will. Vielleicht einfach nur, dass es Sex gibt auf dieser Welt – und dass der eben manchmal gut und manchmal schlecht ist. Das klingt dann so:

„Er hat mich mit der Peitsche geschlagen, obwohl wir das nicht vereinbart hatten. Ich bin nicht masochistisch veranlagt. Na, vielleicht ein ganz kleines bisschen. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgendein Dahergelaufener sich einfach so erlauben kann, mich mit der Peitsche zu bearbeiten. Elender Mistkerl, blödes fettes Schwein!“

„Nastja, du hast recht, wenn man die Härchen um die Brustwarzen herum ausreißt, statt sie abzurasieren, kommen sie nicht so schnell wieder.“

„Paschka vögelte mich immer in fremden Wohnungen, auf fremden Betten, fremden Sofas, Klappsesseln, ausziehbaren Couches, bezogen mit bereits benutzter Bettwäsche, manchmal einfach auf dem Boden, auf einem staubigen, mit Krümeln übersäten Teppich. Im Sozialismus war das so üblich.“

„Drängen und Dringen in mich hinein, sein Finger holt die Feuchtigkeit aus meinem Inneren hervor und tränkt mit dieser Feuchtigkeit den erregten zentralen Punkt meiner weiblichen Existenz, Wogen, Wogen bis zur Erschöpfung, meine Hand weicht zurück und dringt voller Kraft, mit der gesamten Handfläche zur feuchten Quelle vor, gleitet durch die Spalte der nachgebenden Felsen-Beine, mehr! mehr! mehr! MEHR! MEHR! MEHR! MEHR! MEHR!“

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Marinotschka, du bist so zärtlich von Marina Lioubaskina ist erschienen im konkursbuch Verlag (ISBN 978-3-88769-676-4, 256 Seiten, 14,90 Euro).

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Außer Konkurrenz

Außer Konkurrenz: 16 skurrile Geschichten
Miranda July ist ein Allroundtalent. Mit ihren Filmen, zum Beispiel Me and you and everyone we know, und ihren Büchern, darunter das neueste It chooses you, überzeugt und überrascht sie ebenso wie mit ihren schrägen Kunstprojekten und den Ein-Frau-Performances. Ich habe die vielseitige, witzige, hübsche und schlaue Miranda July mit ihrem Erzählband Zehn Wahrheiten kennengelernt. Ein Buch, das genauso ist wie seine Autorin: anders. Die Geschichten sind kaum nachzuerzählen, sie fließen über vor absurden Einfällen, ungewöhnlichen Menschen und Gedanken, Doppelsinn und Schmerz und Einsamkeit. Weshalb sie aus jeder Kategorie fallen und ich sie hier außer Konkurrenz anhand einiger Zitate vorstellen möchte, die nicht zusammenhängen, keinen Sinn ergeben, aber dennoch einen Blick in dieses außergewöhnliche Buch ermöglichen sollen. Die Lektüre hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass Miranda July ein bisschen verrückt ist. Und ich das genial finde.

„Meine Schwester schießt wirklich weit übers Ziel hinaus. Mehr kann ich über sie nicht sagen. Wenn das Ziel da ist, wo ich bin, dann ist sie weit darüber hinaus und schwirrt über mir herum, nackt.“

„Wie jeder weiß, kann man einen Menschen komplett mit Fassadenfarbe anstreichen, und er bleibt am Leben, solange man die Fußsohlen frei lässt.“

„Der Junge begann sich zu langweilen, eine Form des Erwachsenwerdens.“

„Ich redete mir ein, das Geräusch meines Atems sei in Wirklichkeit das gleichmäßige Atmen aller Tiere auf der Welt, auch das der Menschen, auch das des Jungen und das seines Hundes, alle zusammen, alle atmend, auf der nächtlichen Erde.“

„Da hatte ich noch von nichts eine Ahnung, zum Beispiel wusste ich nicht, dass alle menschlichen Bewegungen wie in Zeitlupe ablaufen im Vergleich zur Geschwindigkeit, mit der man sich bewegen kann, wenn man nur fluoreszierende Dunkelheit ist.“

„Sie machten Liebe mit der Eile.“

„Bevor mein Vater starb, lehrte er mich seine Fingertricks. Es waren Griffe, mit denen man eine Frau zum Orgasmus bringt.“

„Als mein Mann den neuen Kurzhaarschnitt sah, guckte er mich an, wie wir uns angucken, wenn einer von uns vergisst, wer wir sind.“

„Unelegant und ohne mein Einverständnis verging die Zeit.“

Außer Konkurrenz

Außer Konkurrenz
Margarete und Fritzi sind übrig geblieben in einem Gebiet, in dem es keine jungen Menschen mehr gibt, in dem einst Leben und Wohlstand war, weil Kohle abgebaut wurde. Doch unter der Erde brennt es, die Orte sind verlassen. Die Mutter ist fort, genauso wie der Fluss, den es vielleicht einst hier gegeben hat, Bonaventura hieß er, und die Mädchen wollen ihn finden. Dorothee Elmiger ist eine junge Schriftstellerin, die Literatur studiert hat – und in Einladung an die Waghalsigen Zitate von Friedrich Engels, Robert Walser, Émlie Zola und Joseph Conrad sowie vielen anderen frei verwendet, sie aneinanderreiht, mit eigenen Gedanken durchzieht, sodass ein wildes, tatsächlich waghalsiges Konglomerat aus Sätzen entsteht – das den Rahmen einer Romanhandlung sprengt, sich drumherum rankt wie stachelige Rosen. Teilweise steht nur ein Satz auf einer Seite oder paar mehr, richtig dicht wird die Leseatmosphäre nie. Manche Kritiker lobten die poetische Kühnheit des Romans, der mit Preisen bedacht wurde, andere sprachen von „Ostereiersuche für Literaturwissenschaftler“ und „dezentem Geschwafel“. Dieses Buch ist ein Experiment, das sich nicht einordnen oder bewerten lässt, nur seinerseits – wie es sich für die Autorin bewährt hat – zitieren, um einen Einblick zu geben in dieses Gebilde:

Hebt eure kleinen Fäuste wie Antennen zu den Himmeln.

Die Jugend liest Bücher und sucht einen Fluss. Die Jugend denkt daran, sich in Zukunft am Fluss zu treffen. Sie kann sich nicht an die Zeit vor dem Feuer erinnern, aber sie versucht es trotzdem. Reisen werden unternommen. Ein Pferd stößt dazu.

Es gab keine Landkarten, keine akkuraten Landkarten mehr für das nördliche Kohlerevier. Es fehlte auf allen Plänen, es war ein großer Fehler sozusagen, der Lauf der Straßen längst leicht verschoben, Hügel abgefallen, Ortschaften aufgehoben.

Abends um sieben sah ich Häuser, zum ersten Mal, sie tauchten auf am Straßenrand aus dem Nebel als stille Beistände.

Ich suchte das Echo nicht nur in den verlassenen Schächten, in die hinein ich rief.