Bücherwurmloch

Marie Gamillscheg: Aufruhr der Meerestiere

„Er habe den Witz an der Sache nicht verstanden, hatte sie Juri sagen wollen, nämlich dass der Mensch sich im Laufe der Zeit ganz und gar unnötig im Kreislauf der Natur gemacht hatte und dennoch glaubte, unersetzbar zu sein“

Luise ist Meeresbiologin und fasziniert von der Meerwalnuss, einer Quallenart, mit der sie sich intensiv beschäftigt. Warum kann die Meerwalnuss in Gewässern überleben, in denen es sie gar nicht geben sollte? Wieso leuchtet sie? Weshalb gelingt es Luise nicht, sich diesem Geschöpf, das fast nur aus Wasser besteht, zu nähern, sie in Gefangenschaft zu halten, um mehr über sie herauszufinden?

„Die Meerwalnuss machte die ganze Welt zu ihrem Körper.“

Als sie in ihre Heimatstadt Graz muss, zu einer Besprechung im dortigen Tierpark, kommt sie in der Wohnung ihres Vaters unter, zu dem sie kaum eine Beziehung hat. Sie weiß nicht, dass er sie angelogen hat: In Wahrheit ist er nicht bei einer Tagung in Wien, sondern sehr krank und bei ihrem Bruder in Nürnberg. Den Tierpark von Doktor Schilling fand Luise schon als Kind faszinierend, vor allem auch wegen des Unfalls mit einem Raubtier, der dort geschehen ist. Während sie in Graz ist, verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, irgendwie auch zwischen Mensch und Natur, Luise ist selbst wie die Meerwalnuss: Es ist, als bestünde sie aus nichts, als gäbe es sie gar nicht.

„Jede Geschichte lässt sich auf mehrere Arten erzählen. Als Entdeckung oder als Eroberung, als Siegeszug oder als Untergang. Es hat nicht einmal jede den gleichen Anfang, es gibt auf jeden Fall nie ein Ende.“

Dies ist ein Buch über Umweltschutz und die Klimakatastrophe, eingebettet in die Geschichte einer jungen Frau, die nicht in der Lage ist, stabile Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen – auch nicht zu sich selbst. Sie kasteit sich, isst zu wenig und dann plötzlich sehr viel, unterdrückt ihre Gefühle und leidet zugleich an ihrer Gleichgültigkeit. Marie Gamillscheg, die mit ihrem Debüt „Alles was glänzt“ für Aufsehen gesorgt hat, hat ein Buch geschrieben, das sich stilistisch an seine Hauptfigur anpasst: eine Qualle. Es wabert, schwimmt, fasert aus, lässt sich nicht greifen, sieht wunderschön aus und faszinierend, manchmal leuchtet es. Es ergibt überhaupt keinen Sinn und ist gleichzeitig vollkommen logisch. Es ist seltsam und ruhig und beeindruckend, ich habe es richtig gern gelesen.

„Ist das nicht merkwürdig, wir verschwinden und glauben es uns selber nicht?“

Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg ist erschienen bei Luchterhand.

 

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