Bücherwurmloch

Kristine Bilkau: Nebenan

„Aus meiner Sicht ist es erstaunlich, wie viel Einsamkeit es erfordern kann, eine Ehe mit Kindern am Laufen zu halten“
Julia ist mit ihrem Partner aus der Großstadt in den kleinen Ort direkt am Nord-Ostsee-Kanal gezogen, sie hat einen Keramikladen eröffnet und wünscht sich sehnlichst ein Kind. Astrid ist Anfang sechzig, führt eine Arztpraxis und fragt sich, wie sie sich ihrer früheren Freundin Marli, die nach Jahren der Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht ist, annähern kann. Julia und Astrid leben miteinander in der gleichen Gegend, ohne sich zu kennen, sie begegnen sich manchmal kurz. Als eine Mutter mit drei Kindern aus Julias Nachbarhaus verschwindet, kann Julia diese Leerstelle des Hauses, in dem alles zurückgelassen wurde, kaum ertragen. Warum sind sie so überstürzt aufgebrochen und wohin? Liegt dem Ganzen eine Geschichte der Gewalt zugrunde? Und was will der Junge, der eine rätselhafte Botschaft an der Terrassentür hinterlässt?

Kristine Bilkau hat mich mit ihrem neuen Buch tief beeindruckt: Mit Feingefühl und Raffinesse erzählt sie davon, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Sie zeigt verschiedene Frauenfiguren, die eine jünger, die andere älter, die eine mit brennendem Kinderwunsch, die andere kurz vor dem Ruhestand, aller familiären Verpflichtungen bereits entledigt. Das sind jedoch nicht die einzigen Ebenen dieses vielschichtigen Romans, der von Rollenbildern und weiblicher Solidarität handelt, von den Erwartungen, die an Frauen gestellt werden und die sie selbst haben, von tief eingeprägten Verhaltensmustern und späten Einsichten. In einer eleganten, klaren Sprache, die genau weiß, was sie will, durchleuchtet Kristine Bilkau Fragen der Mutterschaft und der Kinderlosigkeit, die Aspekte von Freundschaft, des Älterwerdens, des Zusammenhalts. Angedeutet wird, dass diese Frauen die Geschichten ihrer Mütter in sich tragen, selbst dann, wenn sie wenig darüber wissen. Ich habe dieses Buch wie im Rausch gelesen, so gefesselt hat es mich, obwohl – oder gerade weil – es sanft und leise ist. In dieser Sanftheit liegt eine große Stärke, ein unbändiger Wille, den ich als zutiefst weiblich empfunden habe. Für mich einer der besten Romane in diesem Frühjahr!

Nebenan von Kristine Bilkau ist erschienen bei Luchterhand.

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