Bücherwurmloch

Marian Engel: Bär

„Denn was ihr an Männern missfiel, war nicht deren Erotik, sondern ihre Unterstellung, Frauen hätten keine“
Die Buchhändlerin Magda Birkmann und der Literaturprofessor Dorian Stuber haben auf die Exzellenz dieses Romans hingewiesen, und deshalb hat Kristine Bilkau ihn gelesen – und mit ihrer Lektorin sprach. So ging das Ganze seinen Weg, und hier liegt er nun in einer Neuerscheinung vor: der Bär, der bereits 1976, als Marian Engel diese ungewöhnliche Geschichte veröffentlicht hat, für Furore gesorgt hat. Ein Hoch auf das Internet, auf die Vernetzung, auf Kristines Bemühungen und diese Wiederentdeckung, denn „Bär“ ist tatsächlich ein sehr besonderer Roman. Es geht darin um Lou, die den Sommer auf einer abgelegenen Flussinsel im Norden Kanadas verbringen soll, um den bibliothekarischen Nachlass in einem Haus zu katalogisieren. Was sie nicht weiß: Zum Haus gehört ein Bär. Er hängt an einer Kette und fristet ein friedliches, aber auch irgendwie trauriges Dasein.

„Kein Geschöpf der Wildnis, sondern eine Frau mittleren Alters, die bis zur völligen Verblödung unterdrückt worden ist, die so lange Nacht für Nacht gesessen und auf ihren Mann gewartet hat, dass die Zeit aufgehört hat zu existieren und es nichts anderes mehr gab als Warten.“

Ganz entgegen ihrer sonstigen Natur als eher zurückhaltende alleinstehende Frau weicht Lou vor dem Bären nicht etwa erschrocken zurück, sondern nähert sich ihm an. Sie gehen gemeinsam schwimmen, essen zusammen, freunden sich an – und mehr.

„Neben ihm zu sitzen gab ihr ungekannten Frieden. Es war, als ob der Bär, wie die Bücher, Generationen von Geheimnissen kannte; aber er brauchte sie nicht preiszugeben.“

Durch das Zusammensein mit diesem wilden Tier erkennt Lou, was in ihrem eigenen Leben schiefläuft. Wie sie sich zufriedengegeben hat mit lieblosem Sex, einer aussichtslosen Position, all den Krümeln, die Frauen hingeworfen bekommen. In ihr erwacht eine unbändige Lebenslust, sie will sich nie mehr unterdrücken lassen.

Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen und ebenso großem Befremden gelesen. Nie im Leben würde ich mich trauen, so mit einem Bären umzugehen, und gleichzeitig finde ich die Metapher des Romans wunderschön: die Frau und der Bär, die beide von Männerhand niedergezwungen, die nicht so leben können, wie es ihrer Natur entspräche. Im Herzen ist dies ein feministisches, aufbegehrendes Buch, das wieder einmal zeigt, wie viele Autorinnen uns vorangegangen sind – mit demselben Anliegen, das wir heute noch haben. Großartige Lektüre!

Bär von Marian Engel ist in der Neuauflage erschienen bei btb.

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