Bücherwurmloch

Nell Leyshon: Ich, Ellyn

„Es reicht eine ununterbrochene Kette von uns Mädchen zu Frau zu Frau, die in der Vergangenheit durch alle toten Frauen geht und in die Zukunft zu allen ungeborenen Töchtern“

Am anfang gleicht dieses buch einem wilden gedankenstrom ohne satzzeichen oder großschreibung weil ellyn nicht lesen und nicht schreiben kann sie ist ja nur ein mädchen ein bauernkind noch dazu und im jahr 1573

Das ist anstrengend zu lesen aber irgendwie auch besonders wenn man sich drauf einlässt dann hat das schon eine sogwirkung und es klingt nicht künstlich gestelzt sondern authentisch weil ellyn frech ist und mutig und arm es gibt wenig zu essen dafür viele schläge und viel geschrei vor allem von ihrem bruder der sie permanent haut fast umbringt dreck und läuse gibt es auch

Da ist die neue schwester sie heißt agnes und ellyn liebt sie vom ersten moment spricht innerlich zu ihr erzählt ihr was geschieht als sie wegläuft um an der singschule zu lernen wo nur jungs hindürfen

Sie säbelt sich die haare ab und verbirgt dass sie ein mädchen ist das gelingt ihr so halb und sie liebt es zu singen sie lernt lesen latein und dadurch verändert sich auch langsam der stil des buchs, es kommen satzzeichen dazu und die sprache wird elaborierter, alles wandelt sich

Und während ich mich zu Beginn frage, wo das hinführen soll, was mir das geben kann, merke ich gegen Ende, wie mein Herz blutet für Ellyn und für Agnes, für alle Mädchen damals und heute, wie weh es mir tut, dass sie so behandelt wurden, dass sie nichts wert waren, gar nichts, die letzten Seiten schneiden tief. Dies ist ein Roman, dem man lange nicht anmerkt, wie feministisch er ist, und dann ist seine Botschaft umso klarer, sehr pur erzählt, intensiv und direkt. Das konnte Nell Leyshon schon in „Die Farbe von Milch“ ganz ausgezeichnet: so schreiben, wie ein Mädchen damals vermutlich gedacht und gesprochen hat, in „Ich, Ellyn“ ist das noch radikaler, kompromisslos und gut. Besonders gefallen hat mir, dass Ellyn ihre neugeborene Schwester anspricht, dass diese Verbindung zwischen ihnen und allen Frauen dieser Welt betont wird – wenn eine aufsteht und sich wehrt, wehrt sie sich für jede Einzelne. Ein sehr bewegender, intelligenter Roman.

Lieblingszitat: „Hör zu, wenn Gott in sieben Tagen die Welt erschaffen hat, dann stell dir bloß vor, was wir rothaarigen Frauen machen können.“

Ich, Ellyn von Nell Leyshon ist erschienen bei Eisele.

 

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.