Bücherwurmloch

Silvia Avallone: Bilder meiner besten Freundin

„Du musst es mir sagen: das, was die anderen niemals erfahren dürfen, wofür wir uns schämen und was uns so gefällt“
Beatrice Rossetti ist die bekannteste Influencerin Italiens, sie ist ein Name, sie ist ein Imperium. Aber auch sie war einmal ein Mädchen, ein unbedeutender Teenager in einem kleinen Ort, und damals war sie vor allem eins: die beste Freundin von Elisa. Was ist zwischen den beiden geschehen, warum kam es zum Zerwürfnis und dem Schweigen, das seit Jahren andauert? Elisa erzählt von Anfang an: von ihrem Umzug mit der alleinerziehenden Mutter, die sie überraschend beim Vater zurückgelassen hat, vom Dasein als Außenseiterin, von der Bewunderung für die schönere, reichere Freundin, die sich schon in der Geburtsstunde des Internets für Fashion-Bilder interessiert und einen eigenen Blog eingerichtet hat. Zwischen den beiden gibt es viel Eifersucht und emotionale Erpressung, die Beziehung hat etwas Toxisches. Und während Bea zum aufsteigenden Star wird, hat Elisa später das Gefühl, auf der Strecke geblieben zu sein.

Ich kenne die italienische Autorin Silvia Avallone von ihrem 2013 erschienenen Buch „Marina Bellezza“, das mir wegen der gehörigen Portion Drama und der übersteigerten Leidenschaft in Erinnerung geblieben ist. In ihrem neuen Roman ist es ähnlich: Auch er hat das, was wir gern „typisch italienisch“ nennen und dem Südländischen zuschreiben, Protagonistinnen, die überreagieren, Ehepaare, die sich im Restaurant anschreien, Revierkämpfe, emotionales Feuer überall. Das ist einerseits spannend, andererseits anstrengend. Während ich den Schilderungen von Elisa anfangs wirklich gern gefolgt bin, weil Silvia Avallone den pubertären Zustand zwischen Selbstmitleid und Aufbruchsstimmung glänzend eingefangen hat, hat sie mich im letzten Drittel verloren – was aber auch daran lag, dass mir das Buch mit 500 Seiten zu lang war. Das hätte man prägnanter und fokussierter zu Ende führen können, das hätte nicht so ausfransen müssen. Der Schluss ist einigermaßen pathetisch und passt daher zum Gesamtkonzept. Viel Lärm, viel Gefühl, ein klarer Blick auf eine Mädchenfreundschaft und ein ebenso klares Urteil über die Welt der Influencer:innen, aber auch leise Töne und schöne, sehr kluge Sätze: „Bilder meiner besten Freundin“ ist auf jeden Fall einen genaueren Blick wert. Und eine kleine Reise in den Süden ist es allemal.

Bilder meiner besten Freundin von Silvia Avallone ist erschienen bei Hoffmann & Campe.

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